Freitag, 17. Juli 2009

Credit Crunch

Die FTD hat einen Beitrag mit dem Titel "Banken vertuschen Kreditklemme" veröffentlicht, in dem sie den "Beweis durch Bundesbankdaten" erbringt, dass die Kredite an Firmen und Selbständige außerhalb der Finanzbranche in Deutschland bereits im ersten Quartal "drastisch gesunken" sind - nämlich laut FTD um 2,7 Mrd. Euro.

Ich habe mir die Daten bei der Bundesbank mal angeschaut (Statistikteil des Monatsbericht, Tabelle IV. Banken, 6. Kredite der Banken (MFIs) in Deutschland an inländische Unternehmen und Privatpersonen, Wohnungsbaukredite, Wirtschaftsbereiche). Ich habe von den gesamten Krediten an Unternehmen und Selbstständige jene Kredite abgezogen, die an Finanzierungsinstitutionen (ohne MFIs) und Versicherungsgewerbe vergeben wurden. Die folgende Abbildung zeigt das Ergebnis.


Meinen Berechnungen nach lag diese Größe am Ende des ersten Quartals um 2,3 Mrd. Euro unter dem Stand von Ende Dezember 2008 - das entspricht einem Rückgang des ausstehenden Kreditvolumens von 0,2 Prozent. (Gleichzeitig stiegen die Kredite an Versicherungen und andere Finanzunternehmen, die keine Banken sind, um rund ein Viertel oder knapp 33 Mrd. Euro.)

Obwohl der Swing vom vierten Quartal zum ersten Quartal natürlich heftig war, stellt sich die Frage, ob man diese Entwicklung als Kreditklemme bezeichnen sollte. Nicht zuletzt, weil man "nicht genau messen [kann], wie stark die Kreditnachfrage der Unternehmen wegen des weltweiten Konjunktureinbruchs zurückgegangen ist" wie Gustav Horn im FTD Artikel zutreffend zitiert wird.

Der "reißerische" FTD-Titel verspricht aber auf jeden Fall mehr, als die Daten hergeben...

...was nicht heißt, dass die Versorgung der Unternehmen mit Krediten in den kommenden Monaten weiter abnimmt, sobald Abschreibungen bei Banken und Insolvenzen bei Unternehmen zunehmen.

Kommentare:

Lasse hat gesagt…

Ich würde ebenfalls die Gefahr eines Credit Crunch nicht überbewerten. Sicherlich wird das Thema (gefährlicherweise) von der Politik für den Wahlkamp genutzt.

Allerdings bezweifle ich, dass man auf Basis der oben dargestellten Rechnung zeigen kann, dass in den Daten kein Credit Crunch zu erkennen ist. Die theoretischen Voraussetzungen für einen Crunch sind ja offenbar gegeben (vgl. Stiglitz/Weiss, 1981). Zum einen ist der Kreditbestand eine extrem nachlaufende Größe (z.B. wegen längerfristiger Kredite), die nicht wirklich Aussagekraft über die tatsächliche aktuelle Situation beinhaltet. Außerdem müsste man die Daten etwas trennen, um zu sehen, wieviel von den Krediten jeweils bei Großunternehmen und Mittelständlern landet. Letztere sind von einem etwaigen Credit Crunch sicherlich stärker betroffen, da sie auch keine Möglichkeit haben, sich wie Großunternehmen am Corporate Bonds Market zu refinanzieren. Es könnte auch helfen, sich die Struktur der Kreditvergabe der Sparkassen und Volksbanken genauer anzusehen, um eine bessere Idee von der Vergabestruktur zu bekommen.

Fakt ist jedenfalls, dass die monatliche Umfrage der EZB zu den Kreditvergabestandards von Banke klar darauf hindeutet, dass die Standards (zwar mit schwächer werdender Dynamik) noch immer anziehen. Wir befinden uns bei diesen Standards schon längere Zeit auf hohem Niveau und es sieht nicht danach aus, als würde es hier schnell zu einer Entspannung kommen.

JD hat gesagt…

@Lasse:
Zum Thema Groß- vs. Kleinunternehmen: Hier sind Daten aus der Kredithürden-Umfrage des ifo recht interessant. Es ist z.Z. nämlich so, dass gerade die Großunternehmen am meisten über Restriktionen klagen (http://www.cesifo-group.de/portal/page/portal/ifoHome/a-winfo/d1index/18INDEXKREDKL). Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese vor allem mit den Großbanken zusammenarbeiten, bei denen das Kreditvolumen schon seit Anfang vergangenen Jahres rückläufig ist, während sich kleinere Mittelständler wohl eher über die Genossenschaftsbanken oder Sparkassen refinanzieren, die bislang noch relativ glimpflich durch die Krise gekommen sind.

Zum Thema Kreditvergabestandards: Ich wäre hier sehr vorsichtig über Niveaus zu sprechen. Klar ist, dass sie im moment wohl sehr restriktiv sind und die Daten sagen (leider nur), dass sie seit geraumer Zeit immer restriktiver werden. Aber ob die (in Veränderungsangaben abgefragten) Daten einen Vergleich von Niveaus zulassen (z.B. zwischen heute gegenüber 2002/2003)...wage ich zu bezweifeln.

Dazu muss man auch sagen, ein Teil der Verschärfung war sicherlich auch eine Normalisierung, nachdem die Risikoaufschläge vor der Krise viel zu niedrig waren.

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