Mittwoch, 15. Juli 2009

Deutscher Ökonomenstreit

Vor einigen Wochen verfasste - ausgelöst durch die Diskussion der Neubesetzung einer Reihe von Lehrstühlen für VWL an der Universität Köln - eine Gruppe von (eher älteren) Ökonomen in der FAZ einen Aufruf wider die Theoriesierung der VWL und wider die angebliche Zurückdrängung wirtschaftspolitischer Fragestellungen aus der Ökonomik. Die Verfasser wenden sich ausdrücklich gegen die Abschaffung von ausschließlich der Wirtschaftspolitik gewidmeten Lehrstühlen und die Einführung des angelsächsischen Systems, in dem Lehrstühle nach konkreten Themen (wie Arbeitsmarktökonomik, Umweltökonomik, Mikroökonomik, etc...) aufgeteilt sind. Der Aufruf wurde von einer Gruppe von (eher jüngeren und/oder im Ausland tätigen) Ökonomen im Handelsblatt mit einem "Gegenaufruf" erwiedert, welche eine Ausrichtung der deutschen VWL-Fakultäten nach gerade diesem internationalen Standard fordern.

Ein Hauptanliegen der Unterzeichner des ursprünglichen Aufrufs scheint zu sein, die VWL fit für wirtschaftspolitische Beratungsleistungen zu machen, bzw. zu halten. Durch das angelsächsische System der Fakultätsaufteilung und Forschungsherangehensweise sehen sie dies anscheinend gefährdet: "Die Ökonomen ziehen sich aus der Wirklichkeit zurück, weil die Karriereanreize in ihrem Fach verzerrt sind. Die vorherrschende Ausrichtung der universitären Forschung und Lehre bietet kaum einen Anreiz für Nachwuchswissenschaftler, sich mit wirtschaftspolitischen Fragen zu beschäftigen."

Allerdings lässt sich bezweifeln, dass dies so stimmt. Im Gegenaufruf steht richtigerweise: "Die wirtschaftspolitische Beratung findet sich [vor Allem] in den USA zunehmend wieder in den Händen akademischer Spitzenökonomen, die zuvor bahnbrechende Beiträge in unserer Wissenschaft geleistet haben." Der im ursprünglichen Aufruf bemängelte Einflussverlust der wirtschaftspolitischen Forschung scheint also ein eher spezifisch deutsches Problem zu sein, das in anderen Ländern (die ohne als explizit wirtschaftspolitisch ausgewiesene Lehrstühle auskommen müssen) nicht zu beobachten ist.

Und neben der Politikberatung dürfte wohl auch die Lehre nicht unter einer Neuordnung der Fakultäten leiden. Im Gegenteil. Zwar hat eine Umfrage der Fachschaft unter Kölner VWL-Studenten nun offenbart, dass rund die Hälfte der Studenten, das alte Modell favorisieren - anscheinend vor allem, weil sie einen stärkeren Bezug der Lehre zur Realität wünschen. Hier scheinen meiner Meinung nach aber nun zwei Sachen vermischt zu werden: Gute und schlechte Lehre ist das Eine! Die Struktur der Fakultäten das Andere! Und ist es nicht so, dass die Kölner Fakultät bislang nach dem "deutschen" Modell geordnet war...demnach die Studenten also von ebenjenem System enttäuscht sind, das sie dann laut Umfrage häufiger als das gewünschte nennen?

Ich denke, in Bachelorstudiengängen sollten Konzepte so paxisnah und intuitiv vermittelt werden wie es nur irgends geht, um Studenten auf Jobs in Wirtschaft oder Politikberatung vorzubereiten - aber warum soll das nicht im Rahmen von Kursen zu einzelnen Fachgebieten gehen? Danach, also während der Masterprogramme und Doktorandenausbildung, müssen angehende Ökonomen aber das komplette methodische Rüstzeug vermittelt bekommen, das international Standard ist - auch und gerade damit sie in die Lage versetzt werden, in die internationale Wissenschaftsdiskussion einzugreifen, bzw. diese zu verfolgen. Und dies geschieht auf jeden Fall am besten, wenn die Struktur der Lehrstühle den fachlichen Gebieten der Ökonomik folgt.

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