Montag, 13. Juli 2009

Fiskalischer Multiplikator

Seit die Staaten dieser Welt nach Ausbruch der Wirtschaftskrise ein Fiskalprogramm nach dem anderen aufgelegt haben, ist in der Ökonomenzunft die Diskussion wieder aufgekommen, welche expansiven Effekte solchen Stimulierungsprogrammen zuzubilligen seinen. Grob gesagt argumentieren die beiden Seiten so: Gegner solcher Programme führen an, dass aufgrund von Zinseffekten private Investitionen durch die staatlichen Ausgaben verdrängt werden und sich Konsumenten "ricardianisch" verhalten, d.h. in Antizipation kommender Steuererhöhungen ihren Konsum einschränken, so dass ein Konjunkturprogramm in Höhe von 1 Prozent des BIP kurzfristig das BIP um nicht viel mehr als 1 Prozent hebt und der Effekt mittel- bis langfristig negativ ist. Beführworter argumentieren, dass der Staat eine temporäre Nachfragelücke ausgleichen kann und damit Kapazitäten auslastet und dadurch Hystereseeffekte vermeidet.

Bislang wurden dazu hauptsächlich die Arbeiten von Romer und Bernstein, beides Mitarbeiter aus dem Beratungsumfeld der US-Regierung, die Fiskalprogrammen eine große Effektivität beimessen, und Cogan, Cwik, Taylor und Wieland, die auf Basis von makroökonomischen Standardmodellen zeigen, dass Fiskalprogramme unter den üblichen Annahmen keine Wirkung entfallten.

Kürzlich ist nun ein Aufsatz von Eichenbaum, Christiano und Rebelo erschienen, in dem die Autoren explizit auf die Wirksamkeit von Fiskalprogrammen in einer Situation eingehen, in der die Geldpolitik aufgrund der Schranke für den Zinssatz bei 0 Prozent, auf üblichem Wege keine expansiven Impulse mehr setzen kann. Sie zeigen, dass in diesem Fall Fiskalprogramme selbst dann sinnvoll sind, wenn die Haushalte diese eigentlich für schlecht halten. Eichenbaum et al. zeigen, dass der fiskalische Multiplikator in einer solchen Situation sehr viel größer als 1 ist.

Anscheinend kommt die Forschungsgemeinschaft in die Gänge und entwickelt Analyse-Tools, die der derzeitig ausergewöhnlichen Situation Rechnung tragen. Ich bin gespannt auf weitere Beiträge...

Kommentare:

Ulrich Fritsche hat gesagt…

Interessant dazu die Kommentare von Brad DeLong übrigens. Im Falle von CCTW zum Beispiel wurde nur (!) das Ergebnis erreicht, weil der Zinssatz unverändert gesetzt wurde.

Zur Zinssatzschranke von ECR -- da hat Buiter jetzt viel geschrieben. Die Nullschranke kann ausser Kraft gesetzt werden, wenn es gelingt einen de facto negativen Zins zu etablieren.

siehe: http://blogs.ft.com/maverecon/2009/05/negative-interest-rates-when-are-they-coming-to-a-central-bank-near-you/

JD hat gesagt…

@Uli:
Die Gedankengänge von Buiter sind natürlich interessante Gedankenspiele zur Überwindung der Nullschranke - Abschaffung von Geld als physischem Zahlungsmittel, Schrumpfgeld, Entkopplung von Währung und Rechnungseinheit -, und ich persönlich hätte überhaupt nix dagegen auch noch mein Kneipenbier, das letzte Produkt, das ich hauptsächlich bar bezahle, mit elektronischen Zahlungsmitteln zu bezahlen...
...aber das sind wohl eher Langzeitprojekte, die bei der G20 im Moment nicht sehr weit oben auf der Themenliste stehen.

Da erscheint mir die Analyse fiskalischer Impulse die kurzfristig ergiebigere, bzw. politikrelevantere, Option. Mal schauen, was da noch so kommt; aber Buiter stimuliert auf jeden Fall (mal wieder) die Debatte!!!

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