Montag, 31. August 2009

Streit über Dramatik der Staatsverschuldung

In den USA "tobt" derzeit wieder mal ein interessanter Streit in den Blogs der Top-Ökonomen. Diesmal geht es darum, wie schlimm es sei, dass die US-amerikanische Staatsverschuldung in den kommenden Jahren stark zunehmen wird. Krugman hat's mit seiner These, dass das alles gar nicht so schlimm sei, angestoßen. U.a. James Hamilton hat 'drauf reagiert. Und Krugman hat sich (kurz bevor er in den Urlaub gefahren ist) verteidigt.

Ich tendiere eher zu Krugmans Position, weil ich denke, dass dem Staat in der derzeitigen Situation (ähnlich wie dem in Japan während der 1990er) nichts anderes übrig bleibt, als für die sich entschuldenden privaten Akteure in die Breche zu springen.

Der eigentliche Grund, warum ich den Hinweis auf die Debatte gepostet habe, ist aber das ich mal wieder denken musste: Ach wie schade, dass die deutschen Top-Ökonomen nicht willens/nicht in der Lage sind, mit solchen Debatten die öffentliche Meinungsbildung zu unterstützen. Warum dem so ist, bleibt zu klären...

"Die Linke" saniert den Staatshaushalt

Zwei Straßenlaternen in Kiel mit Wahlplakaten "Der Linken". Auf dem ersten ein Bild mit Herrn Gysi samt Slogan "Reichtum für alle.". Fünfzig Meter dahinter das zweite mit dem Slogan "Reichtum besteuern!" - da braucht einem bei einem Linksruck ja um die Einnahmen des Staates keine Bange mehr zu sein!

Samstag, 29. August 2009

Lesestoff 2009-08-29

Da ich zurzeit mächtig im Stress bin, konnte ich diese Woche leider nicht so viel "Lesestoff" sammeln. Zwei Hinweise sind es aber dann doch geworden...
  1. Dieter Wermuth befasst sich in seinem Blog-Eintrag mal wieder mit der Frage, was Notenbanken gegen das Aufkommen von Spekulationsblasen tun können, bzw. sollten. Am Ende kommt er darauf zu sprechen, dass wahrscheinlich ein zweites Instrument neben dem Zins gefunden werden muss, um Blasen auch bei stabiler Inflation "anpiksen" zu können. Ich befürworte das sehr und denke, eine variable Kapitalanforderungen an Finanzinstitute und stärkere Regulierung oder Besteuerung von Spekulationsgeschäften, die keinem Versicherungs- oder Risikostreuungszweck mehr dienen, wären der richtige Weg...
  2. Der Economist wagt einen Blick auf Ben Bernankes zweite Amtszeit. Der Einschätzung von Bernankes Fähigkeiten ist glaube ich kaum etwas hinzuzufügen...
Schönes Wochenende!

Dienstag, 25. August 2009

Zinspolitik: Die erste Notenbank wagt sich vor...

Die Zentralbank von Israel hat als erste Notenbank seit über einem Jahr den Leitzins angehoben. Mal sehen, zu welchem Zeitpunkt die erste "wichtige" Notenbank Leitzinserhöhungen als Instrument für den Ausstieg der extrem expanisven Politik in die Hand nehmen wird. Ich denke das wird noch was dauern...momentan dürfte die Kapazitätsauslastung in den Industrieländern im Trend noch leicht abnehmen.

Bernanke vor zweiter Amtszeit

Ben Bernanke steht wohl vor einer zweiten Amtszeit als Chef der Fed, also der US-amerikanischen Notenbank (hier); Obama will ihn für weitere vier Jahre ernennen.

Im Großen und Ganzen hat sich B. Bernanke während der Krise auch gut geschlagen und wohl die richtigen "Feuerwehrmaßnahmen" ergriffen. (Nicht überraschend, wenn man weiß, dass er wohl derjenige Ökonom ist, der die Große Depression - und vor allem das Verhalten der Notenbanken damals - am meisten erforscht hat.) Ob er in den kommenden Jahren die richtige "Exit-Strategie" fahren wird, um neue Finanzmarktblasen zu verhinder, wird sich zeigen.

Aufsatz über die Folgen von Finanzmarktkrisen

Cecchetti, Kohler und Upper haben auf der Konferenz in Jackson Hole einen interessanten Aufsatz über die Folgen von Finanzkrisen vorgestellt. In Tabelle 1 fassen sie schön zusammen, über welche Wege Krisen im Finanzsystem die "Realwirtschaft" beeinflussen. Sie schließen, den Aufsatz mit der pessimistischen Aussage "Financial crises are more frequent than most people think, and they tend to losses that are much larger than one would hope.", aber auch mit der Schlussfolgerung aus einem ökonometrischen Modell, dass "for the current episode, some of the main crisis-affected economies will return to their pre-crisis level of GDP by the second half of 2010".

Die letzte Schlussfolgerung ist in meinen Augen etwas optimistisch! Für Deutschland gilt dies mit ziemlicher Sicherheit jedenfalls nicht.

Montag, 24. August 2009

Abwrackprämie-Reloaded

Bislang gehörte ich zu denen, die der Abwrackprämie ("Umweltprämie") gegenüber positiv eingestellt waren, weil ich (auch immer noch) glaube, dass sie ein enorm effektives Mittel darstellte, um zusätzlichen Konsum genau in jenen Quartalen zu generieren, in denen die Kapazitätsauslastung der deutschen Wirtschaft am niedrigsten war (09Q1, 09Q2).

Mir war allerdings auch immer klar, dass das keine gute Dauermaßnahme ist, weil a) eigentlich eine schädliche Subention par excellence und b) der Markt eigentlich von Überkapazitäten gezeichnet ist. Jetzt wird mehr und mehr klar, dass politische Fragen im Umfeld der Wahlen wohl ökonomischen Sachverstand verdrängen: Man denkt schon drüber nach, welche Maßnahmen die Abwrackprämie ersetzen können, wenn das bereitgestellte Geld komplett abgerufen ist.

Da kann ich mich nur dem Tenor des Kommentars in der FTD anschließen: Wrackt die Abwrackprämie ab - und zwar ohne Ersatz!

"Labor-Hoarding" der ganz anderen Art...

Hier ein Bericht über "Labor-Hoarding" der ganz anderen Art...

Samstag, 22. August 2009

Lesestoff 22-08-2009

Aus Zeitdruck heute nur eine wenig kommentierte Linkliste zum Lesen:
  1. In der FTD schrieb diese Woche Hans Christoph Binswanger, emeritierter Professor in St. Gallen und Doktorvater von Josef Ackermann, über das Konzept des 100-Prozent-Gelds, bei dem die Zentralbank die volle Kontrolle über die Geldmenge zurückbekommen würde. Interessant, aber ob dies den Anforderungen moderner Volkswirtschaften gerecht würde...?
  2. Auf einen weiteren Beitrag, der sich mit dem vermeindlichen Versagen der Volkswirtschaftlehre im Vorfeld der Finanzkrise befasst, hat mich Pia Pinger aufmerksam gemacht. Luigi Spaventa verteidigt die Profession zumindest besser als R. Lucas in seinem Economist-Beitrag.
  3. Schließlich schreibt David Altig von der Federal Reserve Bank of Atlanta im macroblog über die Aussichten für die US-Konkjunktur und geht dabei speziell über die momentane große Unsicherheit über die Perspektiven ein. Unter anderem zeigt er, dass die Prognosen momentan außergewöhnlich weit auseinanderliegen; dass dies während eines Abschwungs tendenziell immer der Fall ist, haben ich zusammen mit Koautoren in einem Aufsatz gezeigt.
Viel Spaß beim Lesen!

Mittwoch, 19. August 2009

Neuer Leiter der IWH-Konjunkturabteilung

Seit dem 1. August 2009 ist Oliver Holtemöller neuer Leiter der Konjunkturabteilung des IWHs in Halle. In dieser Funktion wird er ab diesem Herbst auch an der Gemeinschaftsdiagnose teilnehmen.

Oliver Holtemöller war zuletzt als Junior Professor für Allgemeine VWL an der RWTH Aachen tätig. Promoviert hat er 2001 an der FU Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen: "Makroökonomik", "Geldtheorie und Geldpolitik" und "Angewandte Ökonometrie und Zeitreihenanalyse"

Rettung in letzter Sekunde

Die FTD druckt heute einen Kommentar zur politischen Aufarbeitung der HRE-Rettungsaktion. Vor ein paar Wochen hatte die FTD schon eine Kopie des Protokolls der Rettungssitzungen vom 26.09.2008 bis 28.09.2008 veröffentlicht.

Ehrlich gesagt, war ich beim Lesen geschockt, als ich gelesen habe, wie heikel die Situation damals war und wie unorganisiert und chaotisch die Verhandlungen zum Teil gewesen sein müssen.

Wie immer lässt sich nicht sagen, wie die (Finanz-)Welt heute aussähe, wäre das eine oder andere Telefonat anders verlaufen oder zu spät geführt worden. Sicher ist nur...schön wahrscheinlich nicht.

Dienstag, 18. August 2009

Kreditvergabe in Deutschland

Das Handelsblatt zitiert Klaus Zimmermann, den Chef des DIW, in einem Artikel über einen drohenden konjunkturellen Rückschlag:

[...] „Zu den Risken des beginnenden Aufschwungs gehört daneben die jetzt wachsende Gefahr einer Kreditklemme.“ [Sagte Zimmermann] Zimmermann warf in diesem Zusammenhang der Bundesregierung vor, den Zeitpunkt verpasst zu haben, rechtzeitig durch Einführung einer funktionierenden Bad Bank die Bankenszene von den giftigen Wertpapieren zu befreien. Die Folgen lägen auf der Hand: Die Landesbanken hätten ihr Kreditgeschäft eingeschränkt, die internationalen Banken hätten ihr Geschäft in Deutschland reduziert,[...]
Da Herr Zimmermann ja viel sagt, wenn der Tag lang ist, habe ich mal schnell in die Daten geschaut...und von seinen beiden Aussagen stimmt genau...: Keine!


Die Abbildung zeigt die Kreditvolumen der von Landesbanken und Zweigstellen ausländischer Banken in Deutschland vergebenen Kredite. Von einem Rückgang in den vergangenen Monaten (Daten bis Mai 2009) sehe ich nix. Im Gegenteil: Die ausländischen Banken scheinen ihr Geschäft Anfang 2008 stark ausgeweitet zu haben. (Das gleiche Bild bietet sich auch, wenn man nur die (kurz- oder langfristigen) Kredite an Unternehmen und Privatpersonen betrachtet.)

Montag, 17. August 2009

Geldpolitik und Spekulationsblasen

Das Handelsblatt berichtet über Strömungen in der VWL, die fordern Zentralbanken müssten stärker mit Zinspolitik auf aufkommende Spekulationsblasen und übermäßige Verschuldung im Finanzsektor reagieren.

Das Problem dabei ist, a) dass Spekulationsblasen häufig erst im Nachhinein als solche erkannt werden, die Politik also oft Schwierigkeiten hätte ex-ante auf sie zu reagieren und b) dass empirische Untersuchungen zeigen, dass ein enormer restriktiver Impuls nötig ist, um Blasen "anzupiksen", bevor sie zu groß werden, - so groß, dass die Konjunktur dadurch sehr gebremest würde (z.B. hier).

Also lieber die Kapitalvorschriften für Banken erhöhen, bzw. sie pro-zyklisch gestalten, so dass Banken im Boom mehr Eigenkapital vorweisen müssen als im Abschwung, um so Exzessen auf den Finanzmärkten vorzubeugen, bzw. das System robust genug zu machen, mit den Exzessen fertig zu werden. Ich denke das ist das bessere Rezept als bei stabilen Preisen das Zinsniveau anzuheben. Denn: Wie war das noch mal mit der Unerreichbarkeit von zwei Zielen mittels einem Instrument...?

Samstag, 15. August 2009

Lesestoff 2009-08-15

Diesmal starte ich die Leseliste mit einem Hinweis auf einen sehr interessanten Aufsatz, der kürzlich in "Economics - The Open-Access, Open-Assessment E-Journal" erschienen ist. Dabei will ich auch gleich aus alter Verbundenheit (ich war dort zwei Jahre Managing Editor) allen potentiellen Veröffentlichern diese Zeitschrift ans Herzen legen. Denn auch aus rein objektiven Gründen ist die Zeitschrift zu empfehlen; so ist der Begutachtungsprozess wirklich schneller als bei anderen Zeitschriften und die Verbreitung der veröffentlichten Aufsätze ist enorm, wenn man es an den Downloadzahlen misst. Also, wer möchte, dass sein Kram gelesen wird...für den könnte das eine echte Alternative zu den herkömmlichen Journals sein. Hier aber jetzt die Leseliste:
  1. Zuerst also der Aufsatz von Sergio Da Silva. Der Autor entkräftet fünf Argumente, die üblicherweise dafür angeführt werden, wie wichtig es ist, makroökonomischen Modellen mikroöknomische Fundierungen zu geben. Er argumentiert für eine wieder stärkere Trennung der beiden Gebiete (wie es vor den 1970ern und der Lucas-Kritik) der Fall war. Meine Sympathien hat der gute Mann...
  2. Raghuram Rajan (ehemaliger Chefökonom des IWFs) macht im Economist Vorschläge zur Verbesserung der Finanzmarktregulierung. Besonders attraktiv finde ich den Vorschlag über “contingent-capital arrangements": Rajan schlägt vor, Finanzinstitutionen sollten nicht permanent viel Kapital bereithalten, sondern Verträge eingehen, die ihnen einen Zufluss an Kapital garantiert, wenn sie (oder das Finanzsystem) in Schwierigkeiten geraten. Im Artikel finden sich die Gründe, warum eine solche Möglichkeit vorteilhaft wäre...
  3. Und auch Ken Rogoff fordert eine Neuausrichtung der Finanzmarktregulierung auf langfristige Stabilität und ist sehr, sehr pessimistisch, was den weiteren Wirtschaftsverlauf und den Handlungsspielraum der Wirtschaftspolitik angeht ("Asia may be willing to sponsor the west for now, but not in perpetuity. Eventually Asia will find alternatives in part by deepening its own debt markets. Within a few years, western governments will have to sharply raise taxes, inflate, partially default, or some combination of all three. As painful as it may seem, it would be far better to start bringing fundamentals in line now.")
Viel Spaß beim Lesen.

Freitag, 14. August 2009

"Lehman-Schock"?!?

Nachdem die Wirtschaftsentwicklung im zweiten Quartal positiv überrascht hat, finden sich in der Presse schon wieder einige Stimmen, die einen schnellen und starken Aufschwung kommen sehen. Allen historischen Erfahrungen nach könnte diese Hoffnung trügerisch sein, weil die Nachwirkungen der Finanzkrise die Weltwirtschaft noch eine ganze Weile beschäftigen könnten. In diesem Post will ich schematisch darstellen, in welcher Situation wir uns im Moment befinden könnten.


Die Abbildung zeigt schematische Konjunkturverläufe für verschiedene Szenarien. Die grüne Linie verdeutlicht die Produktionsentwicklung, wenn es gar keine Rezession gibt (bei konstantem Trendwachstum). Die graue Linie zeigt den Verlauf bei einer "normalen" Rezession (ohne Finanzkrise), bei der die Produktion schnell wieder auf das Niveau findet, das sie ohne Rezession erreicht hätte (vgl. zu dem sogenannten CDR-Effekt auch hier, S.7/8). Die blaue Linie verdeutlicht die Entwicklung nach einer durch eine Banken-/Finanzkrise verschlimmerten Rezession (, der üblicherweise ein überdurchschnittlich großer Boom vorausgeht, der zu aller Hand von Übertreibungen an den Finanz- und Kreditmärkten führt); dass solche Krisen durchschnittlich länger dauern und auch tiefer sind, habe ich zusammen mit Nils Jannsen in diesem Aufsatz gezeigt.

Die orangene Linie nun könnte darstellen, was wir im Moment erleben, nämlich eine Bankenkrise, die durch den "Fast-Zusammenbruch" des gesamten Finanzsystems nach der Pleite von Lehman Brothers im vergangenen Jahr noch mit einem zusätzlichen "Vertrauens-Schock" angereichert wurde. Dieser Schock hat zu einer "Schockstarre" geführt, die die enormen Produktionseinbußen im Winterhalbjahr verursacht hat. Ich vermute nun, dass diese Produktionsverluste schnell wieder aufgeholt werden können (wir werden also nach dem überraschend positiven zweiten Quartal vielleicht ein enorm starkes drittes Quartal sehen). Allerdings ist es wahrscheinlich, dass sich danach die Wirtschaft erst langsam erholt, weil das Finanzsystem noch eine Weile an den Folgen der Finanzkrise zu knabbern haben.

Es könnte also sehr wahrscheinlich zu früh sein, einen langen und starken Aufschwung auszurufen!

Krise der Makroökonomik

Paul de Grauwe spricht im Bloomberg-Interview über die Krise der makroökonomischen Forschung. Über falsche Annahmen, fehlende Alternativmodelle und über "herding"-Effekte an den Finanzmärkten sowie Equilibrium- vs. Disequilibriummodelle.

Robert Lucas verteidigt im Economist die herkömmlichen Standardmodelle. Aber eher schwach finde ich...

Donnerstag, 13. August 2009

Rezessionsende: BIP-Zahlen für 09Q2

Die deutsche Wirtschaft scheint im zweiten Quartal besser gelaufen zu sein, als allgemein erwartet wurde. Nach der vorläufigen Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes legte die Produktion gegenüber dem ersten Quartal um 0,3 Prozent zu (siehe auch hier). Für mich eine klare Überraschung - ich hatte den Tiefpunkt erst irgendwo im dritten Quartal gesehen...

Dienstag, 11. August 2009

Schuldenbremse

Ashoka Mody und Sven Jari Stehn vom IWF loben in einem Beitrag auf VoxEU die Einführung der neuen "Schuldenbremse" in Deutschland als einen richtigen Schritt dahin, die Staatsverschuldung langfristig in den Griff zu bekommen und kurzfristig das Defizit nach der derzeitigen Krise zurückzufahren.

Da mag ja aus politökonomischen Gründen was dran sein. Aber ich frage mich a) warum eine solche Regelung, die das Budgetrecht des Parlaments dann doch dramatisch beschneidet, ins Grundgesetz geschrieben werden muss, wo sie aller Voraussicht nach stehen bleiben muss bis wir das nächste Mal eine Große Koalition bekommen werden (falls die dann noch über einer Zweidrittelmehrheit verfügen wird), und b) aus welchen ökonomischen Gründen ein langfristig so niedriges Niveau der Staatsverschuldung (in Relation zum BIP) wie es von der Regel impliziert wird (hier) sinnvoll erscheint.

Montag, 10. August 2009

Interaktion zwischen Konjunktur und Bankensektor

Ich befasse mich zurzeit wieder mal mit dem Link zwischen Konjunktur und der Verfassung des Bankensystems. Ein Verständnis der gegenseitigen Abhängigkeiten ist von hoher Bedeutung, um momentan Konjunkturprognosen zu erstellen. Denn wenn die Entwicklung im Bankensystem signifikante Auswirkungen auf den weiteren Konjunkturverlauf hätte und es zu einer Verknappung des Kreditangebots käme, würde das bedeuten, dass die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Monaten/Jahren nicht so gut laufen würde, wie nach einer "normalen" Rezession ohne ausgewachsene Bankenkrise.

Um herauszufinden, wie verschiedene Schocks eine Reihe von Variablen beeinflussen werden häufig sogenannte vektorautoregressive (VAR) Modelle genutzt, in denen angenommen wird, dass sich alle Variablen gegenseitig beeinflussen können. Mit einem solchen Modell mit BIP-Wachstum, der Inflationsrate, dem Notenbankzins und der Abschreibungsquote des Bankensektors (als Maß für den "Gesundheitszustand" desselbigen) kann man die oben beschriebenen Zusammenhänge analysieren. Eine ähnliche Version des Modells ist hier auf den Seiten 35/36 beschrieben.

Im Unterschied zu dem verlinkten Beitrag habe ich nun noch einigen Annahmen getroffen, um die Auswirkungen von strukturellen (d.h. unabhängig voneinander seienden) Schocks zu analysieren. (Für Kenner: Ich habe ein strukturelles VAR identifiziert, in dem ich eine rekursive Ordnung der Variablen unterstellt habe BIP>Inflation>Zinssatz>Abschreibungsquote, d.h. während das BIP kontemporär nur durch einen "BIP-Schock" beeinflusst wird, wird die Abschreibungsquote von allen vier Schocks des Systems direkt beeinflusst.) Die Impuls-Antwort-Folgen (IRFs) sind in der Abbildung dargestellt.


Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl der Zustand des Bankensystems auf makroökonomische Schocks reagiert ("BIP-Schocks": Spalte 1, Reihe 4, "Zins-Schocks": Spalte 3, Reihe 4). Allerdings läuft die Kausalität auch andersherum: Auch ein Schock im Bankensystem (Spalte 4) beeinflusst den Konjunkturverlauf (Reihe 1) und das Verhalten der Notenbank (Reihe 3). Anders gesagt: Wenn es im Bankensystem anfängt zu brennen, dann läuft in den nächsten 3 Jahren die Konjunktur schwächer und die Notenbank senkt 2 Jahre lang die Zinsen (gedacht: jeweils gegenüber einer Situation ohne Probleme im Bankensystem).

In der momentanen Situation bedeutet dies, dass man bei der Erstellung einer Konjunkturprognose berücksichtigen sollte, dass die Abschreibungsquote im Bankensystem in den Jahren 2008(Daten liegen noch nicht vor)/2009 wohl sehr hoch liegen dürfte (wahrscheinlich höher als 2002 nach dem Platzen der Technologieblase) und man deswegen ein paar Zehntel schwächeres Wachstum unterstellen sollte (genaue Quantitäten wie immer schwer zu bestimmen!!!).

Samstag, 8. August 2009

Lesestoff 2009-08-08

Nach einer Woche Pause hier wieder die Wochenendslektüre:
  1. Die Zeit berichtet in ihrer Ausgabe von vor zwei Wochen über den "Angriff auf den Dollar". Eine mit einer Dollarabwertung einhergehende zu späte Straffung der US-amerikanischen Geldpolitik nach der Krise könnte die Diversivizierung der Weltdevisenreserven beschleunigen...der US-Dollar wird aber noch lange die wichtigste Währung der Welt bleiben.
  2. Die FTD berichtet über ein Paradebeispiel für anti-zyklisches investieren mitten in der Krise (hier).
  3. Zwei Forscher der Bank of England zeigen in einer neuen Studie, dass der Kreditboom der in die momentane Krise geführt hat, anders war als in vorherigen Booms und analysieren die Gründe dafür: Globale Ungleichgewichte, Great Moderation, Globalisierung. Leider wird mit keinem Wort die laxe Regulierung des Finanzsektors erwähnt, die den Aufbau von Derivatenblasen erst ermöglicht hat...
  4. Im Handelsblatt ein Artikel für alle Wirtschaftswissenschaftler, die sich als verkannte Genies fühlen...Haltet durch!!!!!

Freitag, 7. August 2009

Good Prospects...;-)

Hal Varian says:
“I keep saying that the sexy job in the next 10 years will be statisticians. And I’m not kidding.”
And Greg Mankiw agrees.

Produktionspotential

Über einen Bericht in der FAZ (hier) bin ich auf einen Beitrag im letzten Monatsbericht der EZB gestoßen, der mir bislang "durch die Lappen gegangen" war. In dem Beitrag (S. 44-48) wird das mittelfristige Produktionspotential im Euroraum diskutiert, also eine Schätzung jenes Produktionsniveaus, dass bei vorhandenen Inputfaktoren ohne Inflations- und Deflationsdruck erreicht werden kann (dies ist die von der EZB genannte Definition).

Gestutzt habe ich bei der Aussage, dass das Potantialwachstum in den Jahren 2009/10 unter anderem sehr niedrig geschätzt wird, weil der potentielle Arbeitseinsatz nicht mehr so schnell zunimmt oder abnimmt, jedenfalls weniger Wachstumsbeitrag leistet, weil die strukturelle Arbeitslosenquote sowie die strukturelle Partizipationsrate (also jener Teil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, der auf den Arbeitsmarkt drängt) zunehmen würden. Nun würde ich eher meinen, dass der Anstieg der Arbeitslosigkeit (und ggf. auch der komplette Rückzug von Personen vom Arbeitsmarkt) momentan eher der gesunkenen Nachfrage geschuldet ist denn geänderten institutionellen Rahmenbedingungen auf den Arbeitsmärkten. In diesem Fall aber würde dies - nach allen herkömmlichen Konzepten - nicht das Potential sondern ausschließlich die zyklische Komponente der Produktion beeinflussen.

Oder hat auch die EZB nach den Erfahrungen der Krise mehr und mehr das Gefühl, dass die klare Trennung von Nachfragefaktoren (die nur zyklisch wirken) und Angebotsfaktoren (die ausschließlich das Potential(wachstum) beeinflussen) nicht länger aufrecht zu halten ist?

Erste Arbeiten in diese Richtung existieren bereits (z.B. hier) und ich wage vorauszusagen, dass der Einfluss von Nachfrageschocks auf das Produktionspotential (oder zumindest die Schätzung des selbigen) und/oder die Korrelation zwischen Angebots- und Nachfrageschocks ein heißes Thema in den kommenden Jahren werden wird...mit gravierenden Auswirkungen für Aussagen über optimales wirtschaftspolitisches Verhalten.

Donnerstag, 6. August 2009

Rezession vorbei?

Nach den letzten Daten zur Produktion stimmen auch die Auftragseingänge der deutschen Industrie für Juni (auf niedrigem Niveau) optimistisch. Gegenüber Mai legten sie um 4,5 Prozent zu, nachdem sie im Mai schon um 4,4 Prozent gestiegen waren. Diese Daten lassen mich schließen, dass wir im dritten Quartal wieder eine kräftige Expansion der Industrieproduktion sehen werden - leider ausgehend von einem sehr, sehr niedrigen Niveau.

Jedenfalls denke ich, dass man ex-post das Ende der Rezession auf das zweite Quartal dieses Jahres datieren wird. Sie wird dann 1 Jahr gedauert haben und wird mit einem Produktionsabsturz von knapp 7 Prozent die weitaus heftigste der Nachkriegsgeschichte gewesen sein.

Bankenverstaatlichung

Welche noch so komplizierten Regelungen (wie der Plan von Herrn Guttenberg) sollen in Deutschland eigentlich noch erfunden werden, nur um die "verteufelte" Verstaatlichung einer Bank im Extremfall zu vermeiden?

Wenn eine Bank in eine Situation gerät, in der die Bankenaufsicht meint, sie gefärde die Stabilität des gesamten Bankensystems, so dass der Staat eingreifen solle, indem er über Rettungsmaßnahmen und die weiter Geschäftstätigkeit mitbestimmt und/oder "schlechte" Assets abkauft, dann soll dieser Staat als Gegenleistung für die übernommene Verantwortung auch Eigentum an der Bank erhalten (siehe auch Erklärungen hier). Aus und basta - so wie in Großbritannien und den USA haufenweise durchgeführt!

Als Alternative bietet sich natürlich jederzeit ein Verfahren mit "Dept-Equity-Swap" an, in dem die Gläubiger der Bank zu Eigentümern werden und so die Kapitalbasis der Bank verbessert und eine Insolvenz vermieden wird. In diesem Fall bräuchte der Staat ggf. nur als Moderator oder Exekutor dieses Verfahrens als Zwangsmaßnahme eingreifen.

Montag, 3. August 2009

Finanzstressindikator

In diesem Post will ich einen Finanzmarkt-Stress-Indikator vorstellen, den ich mir nach Ausbruch der Finanzmarktkrise immer mal wieder berechnet habe, um ein Gesamtbild der Entwicklung zu bekommen. Der Indikator basiert nicht auf irgendwelchen „harten“ Kriterien und "optimal hergeleiteten" Gewichtungen sondern fasst ad‑hoc eine Reihe von Einzelindikatoren zusammen, die jeweils das Maß an „Stress“ in bestimmten Marktsegmenten reflektieren. Im Einzelnen gehen in den Indikator ein:
  1. Term-Spread: Der Renditeabstand zwischen 10-jährigen Bundesanleihen und dem Satz für unbesichertes Dreimonatsgeld (im Interbankenhandel), wenn dieser negativ ist. Sonst nimmt dieser Teilindikator den Wert 0 an.
  2. Euribor-Spread: Die Differenz zwischen den Sätzen für unbesichertes und besichertes Dreimonatsgeld (Euribor vs. Eurepo).
  3. Unternehmenskredit-Spread: Differenz zwischen Rendite für 1-bis-2-jährige Unternehmenskredite und dem Satz für besichertes Dreimonatsgeld.
  4. Konsumentenkredit-Spread: Differenz zwischen Rendite für 1-bis-5-jährige Konsumentenkredite und dem Satz für besichertes Dreimonatsgeld.
  5. Veränderung des DAX: Veränderung des DAX gegenüber dem Vormonat, wenn er fällt. Sonst nimmt dieser Teilindikator den Wert 0 an.
  6. Überschussreserve: Wert der Depositen der Banken bei der EZB, die über die erforderliche Mindestreserve hinausgehen.
Dabei werden alle Faktoren gleich gewichtet. Um einen Einfluss der unterschiedlichen Maßeinheiten und Volatilitäten zu vermeiden, werden alle Teilindikatoren vor dem Berechnen des Indikators mit ihrer Standardabweichung skaliert.


Die Abbildung zeigt die Entwicklung des Indikators seit Anfang 2003. Man sieht deutlich den Beginn der Krise Mitte 2007, als die Geldmärkte anfingen nicht mehr ordentlich zu funktionieren. Noch deutlicher ist dann die Eskalation der Krise nach der Pleite von Lehman-Brothers im September 2008. Seit Dezember fällt der Indikator - vor allem weil sich die Zinsstrukturkurve wieder normalisiert hat (der Term-Spread also wieder positiv ist) und sich die Situation im Bankensektor wieder etwas beruhigt hat, so dass der Euribor-Spread deutlich gesunken ist und auch die Überschussreserven nicht mehr so hoch sind wie auf dem Höhepunkt der Krise. Dagegen zeigt sich an den immer noch steigenden Spreads für Unternehmens- und Konsumentenkrediten, dass die Krise mehr und mehr auf die "Realwirtschaft" übergegriffen hat und sich dort - was das Kreditangebot angeht - die Lage auch noch weiter anspannen dürfte.

In den kommenden Wochen sollte sich die Situation weiter entspannen. Zu einer neuerlichen Zuspitzung der Lage wird es wohl nicht mehr kommen. Eher werden wir eine lange Phase mit einem sich "berappelnden" Finanzsektor erleben...wird aber wohl noch dauern bis wieder eine so "stressfreie" Zeit kommt wie in den Jahren 2005-Mitte 2007.

Sonntag, 2. August 2009

Rekordrezession

Eine eingängige Methode, um die Tiefe von Rezessionen darzustellen, ist eine Abbildung, die anzeigt um wieviel Prozent die Produktion (Bruttoinlandsprodukt) in jedem Quartal unter dem vorher irgendwann mal erreichten Höchststand liegt. (In Aufschwungsphasen hat dieses Maß also den Wert 0 %.)

Die folgende Darstellung zeigt deutlich, dass (a) die Rezession in Deutschland stärker als in den USA zugeschlagen hat und (b) die derzeitige Rezession sowohl in Deutschland als auch in den USA heftiger ist als alle vorherigen Rezessionen seit dem zweiten Weltkrieg. In Deutschland lag der (reale) Wert der Produktion im ersten Quartal z.B. um knapp 7 % unter jenem im ersten Quartal 2008, bevor die Rezession begann.


Da nicht mit einem allzu kräftigen Aufschwung zu rechnen ist, dürfte es noch einige Zeit dauern bis wieder genausoviel Güter und Dienstleistungen produziert werden, wie vor Ausbruch der Rezession im ersten Quartal 2008. Unter der Annahme, dass die Produktion im zweiten Quartal 2009 stagniert hat und danach mit 0,5 % pro Quartal (das wären ca. 2 % pro Jahr) expandieren wird würde es bis zum Jahr 2012 dauern. Da zusätzlich der Produktivitätsfortschritt in dieser Zeit weitergehen wird (immer weniger Arbeitskraft ist nötig, um die gleiche Menge an Gütern zu produzieren) lässt dies Schlimmes für die Arbeitsmarktentwicklung erwarten...