Freitag, 7. August 2009

Produktionspotential

Über einen Bericht in der FAZ (hier) bin ich auf einen Beitrag im letzten Monatsbericht der EZB gestoßen, der mir bislang "durch die Lappen gegangen" war. In dem Beitrag (S. 44-48) wird das mittelfristige Produktionspotential im Euroraum diskutiert, also eine Schätzung jenes Produktionsniveaus, dass bei vorhandenen Inputfaktoren ohne Inflations- und Deflationsdruck erreicht werden kann (dies ist die von der EZB genannte Definition).

Gestutzt habe ich bei der Aussage, dass das Potantialwachstum in den Jahren 2009/10 unter anderem sehr niedrig geschätzt wird, weil der potentielle Arbeitseinsatz nicht mehr so schnell zunimmt oder abnimmt, jedenfalls weniger Wachstumsbeitrag leistet, weil die strukturelle Arbeitslosenquote sowie die strukturelle Partizipationsrate (also jener Teil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, der auf den Arbeitsmarkt drängt) zunehmen würden. Nun würde ich eher meinen, dass der Anstieg der Arbeitslosigkeit (und ggf. auch der komplette Rückzug von Personen vom Arbeitsmarkt) momentan eher der gesunkenen Nachfrage geschuldet ist denn geänderten institutionellen Rahmenbedingungen auf den Arbeitsmärkten. In diesem Fall aber würde dies - nach allen herkömmlichen Konzepten - nicht das Potential sondern ausschließlich die zyklische Komponente der Produktion beeinflussen.

Oder hat auch die EZB nach den Erfahrungen der Krise mehr und mehr das Gefühl, dass die klare Trennung von Nachfragefaktoren (die nur zyklisch wirken) und Angebotsfaktoren (die ausschließlich das Potential(wachstum) beeinflussen) nicht länger aufrecht zu halten ist?

Erste Arbeiten in diese Richtung existieren bereits (z.B. hier) und ich wage vorauszusagen, dass der Einfluss von Nachfrageschocks auf das Produktionspotential (oder zumindest die Schätzung des selbigen) und/oder die Korrelation zwischen Angebots- und Nachfrageschocks ein heißes Thema in den kommenden Jahren werden wird...mit gravierenden Auswirkungen für Aussagen über optimales wirtschaftspolitisches Verhalten.

Kommentare:

Ulrich Fritsche hat gesagt…

Ich bin da skeptischer. Ich erinnere mich noch gut wie mein Diskussionspapier mit Camille Logeay aus dem Jahre 2002 heftig kritisiert und schliesslich mehrfach abgelehnt wurde -- auch mit dem Hinweis, dies sei "Häresie" (Originalzitat eines bekannten Berliner Wirtschaftstheorie-Professors). Das Modell argumentiert explizit mit Hysterese, einem Kanal, den Snower in seinen Arbeiten mit Assar Lindbeck sehr intensiv bearbeitet hat. Warum sollten diese Kritiker jetzt verstummen?

Fritsche, Ulrich; Logeay, Camille (2002): Structural Unemployment and Output Gap in Germany: Evidence from an SVAR Analysis within a Hysteresis Framework. Berlin (= DIW Discussion Paper. 312).

Jonas Dovern hat gesagt…

...weil die Krise den einen oder anderen doch noch mal über ein paar bisher "heilige Kühe" hat nachdenken lassen. Auch de Grauwe hätte wahrscheinlich vor ein paar Monaten nicht ein solches Interview gegeben wie in meinem neuesten Post verlinkt.

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