Freitag, 29. Juli 2011

1.3 it is!

Wow! Die neuen Zahlen zur Konjunktur in den USA sind raus ... und nicht sehr erfreulich. Die Wirtschaftsleistung ist in Q2 nur um 1,3 % (annualisiert) gestiegen. (Ich hatte gestern mit 1,2 % (oder ein bisschen mehr) gerechnet.) Hier ist ein Bild davon, wie die Aktienmärkte reagiert haben:

Noch pessimistischer stimmen aber die Revisionen, die das BEA für die vergangenen Jahre und für Q1 (von 1,9 % auf 0,4 % revidiert) veröffentlicht hat. Insgesamt geht das BEA nunmehr davon aus, dass das reale BIP von 2007 bis 2010 durchschnittlich um 0,1 % pro Jahr gesunken ist - während man bis gestern davon ausging, dass dieser Wert +0,3 % beträgt.

Im Niveau ergibt sich folgendes "Vorher-Nachher-Bild":

Die Rezession war also um einiges heftiger als es die bisherigen Zahlen nahe legten. Auf Basis der neuen Zahlen erscheinen auch die sehr schwachen Arbeitsmarktzahlen deutlich plausibler!

Frühindikatoren verheißen nichts gutes für die kommenden Quartale - auch wenn die Raten wohl wieder etwas nach oben gehen könnten. Zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit wird es aber wohl vorerst nicht kommen ...

Schuldenkrise ...

... aber diesmal nicht jene von Griechenland - sondern die in den USA:

Langsam wird die Zeit dort ein bisschen knapp, um sich im Kongress noch rechtzeitig auf eine Anhebung des Schuldenlimits zu einigen. Die Schätzungen besagen, dass dem Finanzministerium am kommenden Dienstag das Geld ausgeht, wenn bis dahin nicht die Erlaubnis beschlossen wird, mehr Schulden aufzunehmen.

Dann gäbes es theoretisch 2 Möglichkeiten:
  1. Die USA bedienen fällige Rückzahlungen und/oder Zinszahlungen auf ausstehende Anleihen nicht mehr. Das würde dann mit ziemlicher Sicherheit eine Schockwelle durch die Finanzmärkte schicken, die wohl noch größer wäre als das, was wir in der jüngsten Finanzkrise gesehen haben.
  2. Die USA kürzen von heute auf morgen ihre Staatsausgaben radikalst: Das würde dann mit ziemlicher Sicherheit zu einer heftigen Rezession in den USA führen.
Und die beschriebenen Folgen sind jeweils nur die direkten. In beiden Fällen wäre nichts gutes für die Weltkonjunktur insgesamt zu erwarten ...

... und das ist auch der Grund dafür, warum ich glaube, dass man sich wiedermal - wie so oft im politischen Betrieb - in einer Nachtundnebenaktion doch auf die letzte Sekunde wird einigen können. Denn zurzeit scheint es ja eher an den Republikanern zu haken - und nach dem republikanischen Hickhack der letzten Tage ist der Schwarze Peter für den Fall eines Scheitern der Verhandlungen wohl klar an diese Seite vergeben. Und das kann die Partei, auch wenn sie in den letzten Jahren etwas verrückt geworden ist, nun wirklich nicht riskieren.

Donnerstag, 28. Juli 2011

Konjunktur in den USA

Zuletzt haben die Wirtschaftsdaten in den USA eher auf der unteren Seite überrascht. Die Lage auf dem Immobilienmarkt ist immer noch düster, die Beschäftigung kommt nicht in Gang und die Arbeitslosigkeit bleibt hoch. Dazu kommt noch die Unsicherheit über den zukünftigen finanzpolitischen Kurs.

Ein Indikatormodell für die Kurzfristprognose der Konjunktur, das ich hier vorgestellt hatte, deutet für das abgelaufene zweite Quartal eine Wachstumsrate von nur 1,2 % an.

Ich denke es wird eher ein wenig mehr - aber die Konjunktur in den USA dürfte auch in den kommenden Quartalen alles andere als heiß laufen ...

Mehr wissen wir, wenn das BEA morgen die erste offizielle Schätzung veröffentlicht.

Arbeitsmarktaufschwung

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland sinkt (saisonbereinigt) weiter. Allerdings vermute ich, dass der Beschäftigungsaufbau in den kommenden Monaten aufgrund der nachlassenden Konjunktur langsamer geschieht als in den vergangenen Quartalen.

Hier der Link zu den ausführlichen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit.

Der Unbelehrbare

Alan Greenspan, von 1987 bis 2006 Chairman der Fed, wettert in einem Kommentar ziemlich unverblühmt gegen stärkere Regulierung und höhere Kapitalanforderungen im Finanzsektor. Für ihn scheinen das überzogene Sicherheitspuffer zu sein, die den Wohlstand schmälern.

"[...] hat zu einem neuen Exzess geführt: einem Übermaß an Puffern, auf Kosten unseres Lebensstandards. Die Politik muss derartige Bedenken deutlich stärker sichtbar machen, als wir es bislang versucht haben."
Neuere Forschungen zeigen allerdings, dass "des Guten auch zuviel sein kann". Arcand et al. zeigen, dass ein Wachstum des Finanzsektors ab einer bestimmten Größe einen negativen Effekt auf das Wirtschaftswachstum hat (z.B. über erhöhte Volatilität oder das übermäßige Abwerben von Talenten aus den produzierenden Sektoren durch den Finanzsektor). Sie fassen zusammen:
"We believe that our results have potentially important implications for financial regulation. The financial industry has argued that the Basel III capital requirements will have a negative effect on bank profits and lead to a contraction of lending with large negative consequences on future GDP growth (Institute for International Finance 2010). While it is far from certain that higher capital ratios will reduce profitability (Admati et al. 2010), our analysis suggests that there are several countries for which tighter credit standards would actually be desirable."
Vielleicht sollte Herr Greenspan sich da noch mal ein wenig schlau machen, wenn er nicht als zu offensichtlicher Fürsprecher der Finanzlobby erscheinen möchte ...

Freitag, 22. Juli 2011

Geschäftsklima geht deutlich zurück

Das ifo Geschäftsklima ist im Juli deutlich eingebrochen. Nach 114,5 Punkten im Vormonat lag es nur noch bei 112,9 Punkten.


Neben den Geschäftserwartungen (-1,2 Punkte) ging auf die Bewertung der Geschäftslage deutlich zurück (-1,9 Punkte). Hier kündigt sich wohl eine Abschwächung des Booms an, nachdem sich die Anzeichen dafür in den meisten anderen wirtschaftsstarken Ländern schon seit einigen Monaten gezeigt haben ...

Mittwoch, 20. Juli 2011

Finanzstressindikator, Ergebnisse für April - Juni

Ich bin mal wieder dazu gekommen, den Finanzstressindikator auf denen neuesten Stand zu bringen. Erstaunlicherweise zeigt sich für die deutschen Finanzmärkte immer noch kein sonderlich hohes Stressniveau - und das trotz der Zuspitzung der Schuldenkrise in Griechenland.


Nachdem der Indikator im März bei 0,22 gelegen hatte, sank er im April deutlich auf nur noch 0,09, um dann nach 0,14 im Mai auf 0,4 im Juni hochzuschnellen. Immerhin zeigt also die Dynamik am aktuellen Rand eine deutliche Veränderung des Stressniveaus an.

Montag, 18. Juli 2011

Neue "Anwerbeabkommen"?

Die Bundesagentur für Arbeit versucht dem Fachkräftemangel anscheinend schon durch Anwerbungen aus anderen europäischen Ländern mit höherer Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken.

Hoffentlich wird sich dieses Mal dann mehr Gedanken über gesellschaftspolitische Implikationen gemacht als im vergangenen Jahrhundert. (Wobei die Zahl der Zuzüge aus den im Spiegel-Artikel genannten Gründen wahrscheinlich eher gering bleiben wird.)

Donnerstag, 14. Juli 2011

Diskussion über "bessere" Konjunkturprognosen

Auf Blicklog habe ich einen Beitrag gelesen, der sich darüber mokiert, dass angeblich immer noch nur Punktprognosen in den Konjunkturanalysen veröffentlicht werden - und damit natürlich kein brauchbares Bild der Lage vermittelt wird.

Dem zweiten Teil stimme ich voll und ganz zu. Leider stimmt der erste Teil nicht. Es gibt schon viele Bestrebungen in diese Richtung. Meine Antwort auf Blicklog:
"Zu diesem Beitrag muss man sagen, dass sich insgesamt in den vergangenen Jahren an dieser Front doch viel getan hat. (Vielleicht haben Sie sich mit dem DIW ein sich momentan nicht ganz auf der Höhe der Konjunkturforschung/-prognose befindendes Institut herausgepickt.)

So veröffentlicht die Gemeinschaftsdiagnose seit einigen Jahren in jedem Gutachten Konfidenzbänder für die prognostizierten Wachstumsraten des BIP und evaluiert in einem Kasten jeweils, wodurch sich Abweichungen von der vergangenen Prognosen ergeben haben.

Auch am IfW in Kiel habe ich bereits 2005 daran mitgearbeitet, in allen Konjunkturprognosen Konfidenzbänder für die Wachstumsprognosen (basierend auf historischen Prognosefehlern) einzuführen.

Derzeit erstellen wir mit unserer Firma Kiel Economics vierteljährliche Konjunkturprognosen (zwei Mal im Jahr zusammen mit den IWH in Halle), in denen jeweils verschiedene Szenarien aufgezeigt werden (z.B. für verschiedene Entwicklungen des Ölpreises oder der Weltkonjunktur oder der Entwicklung der Schuldenkrise im Euroraum).

Ähnliches lässt sich auch von vielen anderen Instituten sagen.

Es gibt also bereits recht viele Beispiele, die in die richtige Richtung gehen. (Für komplette Durchrechnungen der VGR für verschiedene Szenarien fehlt häufig die Zeit, sprich Finanzierung.)"


Mittwoch, 13. Juli 2011

IWF-Bericht zur deutschen Wirtschaft

Gestern hat der IWF seinen neuen Bericht zur wirtschaftlichen Lage in Deutschland veröffentlicht. Dieser fällt insgesamt sehr positiv aus. Insbesondere die Bewältigung der Wirtschaftskrise wird positiv hervorgehoben.

Die Zusammenfassung:
"Background: Given its large size and international connections, Germany has been called on to assist the global economic recovery. Similarly, a robust German financial system is important both for German and global financial stability. The authorities recognize these linkages and the consequent German responsibilities. They welcomed the focus of this consultation on Germany’s international role.

Challenges: The authorities argued, and staff agreed, that short-term stimulative measures — more rapidly raising wages or delaying fiscal consolidation — could compromise German strengths with dubious value for other countries. The real German challenge is to strengthen its areas of weakness and, thus, play a more medium-term international role. The key is to counteract growth constraints in a way that also supports sustainable rebalancing via higher domestic demand growth. Thus, Germany’s gain would benefit Europe and the global economy. Also, given the financial system’s large size, its international connections, and the nonlinear behavior of these connections at times of stress, the forward-looking development of stronger German systemic shock absorbers is an important goal of the authorities.

Policy Recommendations: Enhancing growth will require focus: tax policy to raise labor force participation and investment, education and innovation policy to raise productivity (especially in the services sector via more widespread use of information technology), and an efficient and stable financial sector (that is also more sensitive to financing start-up ventures). The authorities broadly agreed with this agenda. They also agreed that these measures will help raise the traditionally anemic consumption growth, and such autonomous demand will boost Germany’s role as an international locomotive and narrow its current account surplus. However, they also felt that some rebalancing was already ongoing. On securing financial stability, the authorities recognize the importance of purposeful progress in resolving the legacy of the crisis and greater clarity on the regulatory and supervisory regime to facilitate proactive supervisory practice. They saw some merit in staff’s suggestions for streamlining the permanent resolution and deposit insurance mechanisms and changes in the three-pillar banking system to meet new challenges; however, they saw these as more medium-term tasks."
Hinsichtlich der Konjunktur geht der IWF von einem Anstieg des realen BIP von 3,2 % in diesem und 2,0 % im kommenden Jahr aus. Für meinen Geschmack etwas zu pessimistisch für dieses Jahr ...

Dienstag, 12. Juli 2011

Alternativer Vorschlag für vereinfachtes Steuerkonzept

Auch Alfred Boss, mein ehemaliger Kollege am IfW in Kiel, der jüngst aus Altersgründen aus seiner Vollzeittätigkeit ausgeschieden ist, hat ein Konzept zur Vereinfachung des Steuersystems in Deutschland vorgestellt.

Genau wie Paul Kirchhof beinhaltet auch sein Konzept vor allem die Abschaffung jeglicher Ausnahmeregelungen - und damit Steuerschlupflöcher - sowie einen einheitlichen Steuersatz (zusammen mit stark ausgeweiteten Freibeträgen).

Optimistisch, was die Umsetzbarkeit eines einfacheren Steuersystems angeht, ist Alfred allerdings nicht:
"Fragt man, ob eine große Steuerreform kommt, dann ist auch Folgendes zu bedenken: Das vorgeschlagene Steuersystem einschließlich der Art der Verteilung der Besteuerungskompetenzen hat einen gravierenden „Nachteil“. Es ist transparent – zum Leidwesen vieler Interessenvertreter und vieler Politiker. Demgegenüber ist im herrschenden System mit seinen zahlreichen Steuervergünstigungen und mit der Beteiligung aller staatlichen Ebenen und der Kommunen am Aufkommen vieler Steuern völlig unklar, wer seine Hand in wessen Tasche hat und wie viel er dabei herausnimmt."
... und wahrscheinlich hat er damit Recht.

Konjunkturprognose

So, bin wieder aus den USA zurück. In der Zwischenzeit haben wir unsere Sommerprognose veröffentlicht. Der Grundtenor ist, dass der Aufschwung in Deutschland weitergeht - es in den kommenden Monaten aber eine merkliche Wachstumsdelle in der Weltwirtschaft gibt, die dafür sorgt, dass das Aufschwungstempo vorübergehend auch in Deutschland deutlich nachlässt.

Links zur Kurzfassung und zur Bestellseite.