Mittwoch, 30. November 2011

Erneute Zentralbankintervention am Geldmarkt

Erneut haben wichtige Zentralbanken Hilfe für den Geldmarkt angekündigt. Die Gruppe der beteiligten Staaten ist diesmal sogar noch größer als letztes Mal (The Bank of Canada, the Bank of England, the Bank of Japan, the European Central Bank, the Federal Reserve and the Swiss National Bank). Was wurde angekündigt:
  1. Banken können sich Fremdwährung billiger bei den Zentralbanken leihen als bisher angeboten wurde.
  2. Das Angebot wird bis mindestens Anfang 2013 verlängert.
  3. Es können nicht nur Euro/US-Dollar sondern alle Währungen der beteiligten Zentralbanken von den Banken geliehen werden.
"These central banks have agreed to lower the pricing on the existing temporary US dollar liquidity swap arrangements by 50 basis points so that the new rate will be the US dollar Overnight Index Swap (OIS) rate plus 50 basis points. This pricing will be applied to all operations conducted from 5 December 2011. The authorisation of these swap arrangements has been extended to 1 February 2013. In addition, the Bank of England, the Bank of Japan, the European Central Bank, and the Swiss National Bank will continue to offer three-month tenders until further notice.

As a contingency measure, these central banks have also agreed to establish temporary bilateral liquidity swap arrangements so that liquidity can be provided in each jurisdiction in any of their currencies should market conditions so warrant. At present, there is no need to offer liquidity in non-domestic currencies other than the US dollar, but the central banks judge it prudent to make the necessary arrangements so that liquidity support operations could be put into place quickly should the need arise. These swap lines are authorised through 1 February 2013."

Das alles zeigt eigentlich nur einmal mehr, dass die Situation mittlerweile wirklich, wirklich brenzlig ist. Warum die Aktienmärkte einen Freudenhüpfer machen, ist mir ehrlich gesagt unklar.

Dienstag, 29. November 2011

Europa

Ein wichtiger Artikel zur europäischen Integration findet sich in der ZEIT von vergangener Woche. Jan Ross schreibt darin über die Besonderheit des EU-Gebildes und erörtert die Perspektiven. Und schließt:
"Der Erfolg der EU und ihrer politischen Philosophie ist mitnichten gesichert. Im Gegenteil: Die Gefahren und Gegenkräfte sind so stark wie seit Jahrzehnten nicht. Doch etwas Besonderes ist das europäische Projekt – ein historischer und globaler Sonderfall, vielleicht auch ein Modell. Aus einem Coffeeshop in Lahore jedenfalls, von einem gespaltenen, waffenstarrenden Subkontinent, wo Männer noch Männer sind und Bomben noch Bomben, schaut man mit ungläubigem Staunen auf dieses Europa. Aber mit ein wenig Neugier und Sehnsucht auch."
Wir werden sehen, in welche Richtung die Schuldenkrise Europa lenken wird. Ich glaube momentan eher hin zu mehr Integration (so wie es in den vergangenen Dekaden schon oft Krisen getan haben).

Bundesbank kauft Staatsschulden?

Die Schuldenkrise produziert so viele außergewöhnliche Ereignisse, dass man schon mal durcheinander kommen kann, weil man so viele Sachverhalte einschätzen muss, von denen vorher bei denen, die nicht direkt damit zu tun hatten, nie die Rede war.

Guido Tabellini bezieht sich in seiner VoxEU-Kolumne auf die "misslungene" Auktion von Bundesanleihen vergangene Woche und schreibt, dass die Bundesbank als "lender of last resort" für Bundesanleihen fungiert.
"At the time of writing, last week’s auction of German government bonds remains unsold. This is the latest confirmation of what is now widespread distrust. Yet, paradoxically, this could also help to unblock the situation, for two reasons:

First, it has made clear to everyone that, despite its rhetoric, the Bundesbank actually continues to act as lender of last resort, at least temporarily, to the German state. The securities sold at auction because they were absorbed by the Bundesbank, which always plays this role to ensure the liquidity of German securities."
Direkt nach der Auktion hatte ich das erst auch so verstanden. Es ist aber wohl so, dass die Bundesbank zwar die Abwicklung des Verkaufs der Anleihen, die nicht in der Emissionsauktion abgesetzt werden konnten, übernimmt - aber auf Rechnung des Bundes bzw. seiner Schuldenagentur.

Freitag, 25. November 2011

Eurobonds?

Auch wenn die deutsche Regierung öffentlich Eurobonds immer noch verdammt, scheint mir das Pendel in den letzten Tagen doch wieder von einer stärkeren Einbindung der EZB bei der Kriseneindämmung hin zu Eurobonds zu tendieren.

Auf VoxEU macht John Muellbauer einen weiteren Designvorschlag für konditionale Eurobonds, bei dem hochverschuldete Staaten Risikoprämien an die Staaten mit AAA-Rating zahlen müssten, wenn sie das Angebot für eine gemeinsame Refinanzierung, annehmen würden:
"Europe’s economic outlook could be rapidly transformed. A German bilateral loan offer to Italy, followed by the announcement that conditional Euro-treasury bills would follow shortly, and that consultations were beginning on conditional Eurobonds, could be made within days. The yields on Italian government bonds would drop, followed by those of Portugal and Spain. Share prices of European banks holding Italian bonds would rise, restoring their ability to lend. The ECB’s recent interventions in the Italian and Spanish bond markets would make a large profit. Speculators who have shorted sovereign debts of Italy and others could finds themselves skating on thin ice.

There is, however, an alternative. Germany could prove itself not to be a good European and instead clutch disaster from the jaws of victory over fiscal irresponsibility, unreformed labour markets, and corruption in the southern fringe of Europe. German inaction could trigger the most severe crisis since the collapse of Lehman Brothers."

Eigentlich wäre mal eine Aufstellung aller Vorschläge fällig. Mittlerweile schwirren ja schon Duzende von Eurobond-Vorschlägen durch die Diskussion. Mal sehen, ob ich dazu komme ...

Donnerstag, 24. November 2011

Details zur Konjunktur in Q3

Heute wurden die Details zur Wirtschaftsentwicklung im dritten Quartal in Deutschland veröffentlicht. Bottom Line: Starke Binnennachfrage und der Außenhandel wird von den Problemen in anderen Ländern erfasst, so dass er wieder nur wenig zum Anstieg der Nachfrage beiträgt.

Insgesamt genau das, was man in der derzeitigen Situation erwarten würde (Probleme in vielen anderen Ländern, sehr niedrige Zinsen für Deutschland).

Mittwoch, 23. November 2011

Staatsanleihekäufe und Moral Hazard

Paul De Grauwe schreibt dazu auf VoxEU:
"Like with all insurance mechanisms there is a risk of moral hazard. By providing lender of last resort insurance, the ECB gives an incentive to governments to issue too much debt. This is indeed a serious risk. But this risk of moral hazard is no different from the risk of moral hazard in the banking system. It would be a terrible mistake if the central bank were to abandon its role of lender of last resort in the banking sector because there is a risk of moral hazard. In the same way it is wrong for the ECB to abandon its role of lender of last resort in the government bond market because there is a risk of moral hazard.

The way to deal with moral hazard is to impose rules that will constrain governments in issuing debt—very much like moral hazard in the banking sector is tackled by imposing limits on risk-taking by banks."
Ich denke der Vergleich zeigt ganz gut, dass man das Moral-Hazard-Problem über zusätzliche Regulierung regeln sollte; dass man aber auf der anderen Seite nicht ein institutionelles Feature - den Lender-of-last-ressort für Staatsanleihen -, das man zur Verhinderung von Panikattacken für wichtig befunden hat, grundweg ablehnen sollte.

Deutsche Lügen

Wolfgang Münchau schreibt auf SPON über die "zwei deutschen Lügen", die eine Lösung der Schuldenkrise im Euroraum verhindern.
"Die erste dieser Lügen betrifft die Ursachen der Krise. In Deutschland glaubt fast jeder, dass die Krise durch schlechte Haushaltspolitik verursacht wurde. Das ist falsch. Natürlich hat Griechenland alle Regeln einer guten Haushaltspolitik gebrochen - aber nicht Spanien, nicht Portugal, nicht Irland, nicht Italien, nicht Frankreich, nicht Österreich, nicht Belgien. Der Grund, warum wir heute in diesem existentiellen Schlamassel stecken, hat nichts, aber auch gar nichts mit den Verfehlungen eines kleinen Landes in der fernen südöstlichen Ecke der Währungsunion zu tun. Die Krise betrifft mittlerweile Länder, von denen sich die meisten an die Regeln hielten."
Ich halte diese verfehlte Wahrnehmung auch für außerordentlich wichtig für die Erklärung der bislang misslungenen Lösungsversuche. Denn sie richtet den Fokus zu stark auf die öffentliche Verschuldung und führt zur Empfehlung von kurzfristigen Sparprogrammen, die - bei aller mittel- bis langfristigen Konsolidierungsnotwendigkeit - das Verschuldungsproblem der betroffenen Staaten noch verschlimmern.
"Die zweite Lüge ist die Inflationslüge, wonach Deutschland aufgrund seiner historischen Erfahrungen mit der Inflation mehr als andere Staaten auf dem Prinzip der Preisstabilität beharrt. Diese Lüge wird momentan angeführt, um zu verhindern, dass die Europäische Zentralbank in großem Maße Anleihen aufkauft. Angeblich würde das die Inflation ankurbeln.

Ob es in den jetzigen Zeiten tatsächlich zu einer Inflation käme, sei einmal dahingestellt. Interessanter ist die Lüge an sich, denn die deutschen wirtschaftshistorischen Erfahrungen sind gar nicht einmal so fundamental anders als die anderer Länder. In Deutschland blendet man gerne die dreißiger Jahre aus - nicht nur die mittleren und späteren, auch die früheren. War es wirklich die Inflation der frühen zwanziger Jahre, die, anstelle der Deflation der frühen dreißiger Jahre, Hitler an die Macht brachte?"
Hier bin ich geschichtswissenschaftlich zu wenig bewandert, als dass ich einen Kommentar dazu abgeben könnte. Aber das Thema wird auch in anderen Blogs heiß diskutiert (z.B. FT Alphaville, Herdentrieb). Ich denke aber auch, dass das Inflationsgespenst nicht hinter der nächsten Ecke nur darauf wartet, dass die EZB stärker bei der Eindämmung der akuten Krise hilft, und sofort rauskommen würde ...!

Weiteres Alarmsignal

Jetzt wird sogar schon Deutschland nicht mehr alle Anleihen bei Neuemissionen los. Heute geschehen. Für rund 2 % fanden nur 35 % der Anleihen einen Abnehmer.

Dienstag, 22. November 2011

Refinanzierungsprobleme Spaniens

Von Bloomberg:
"Spain sold three-month bills at an average yield of 5.11 percent, compared with 2.292 percent the last time they were sold on Oct. 25. That’s more than the 4.63 percent paid by Greece, which received a European Union-led bailout last year, at an auction on Nov. 15. The Spanish Treasury also sold six- month bills at 5.227 percent, up from 3.302 percent last month."
(Zum Vergleich: Deutschland zahlt für Anleihen mit drei Monaten Laufzeit momentan 0,17 %.)

Entweder verstehe ich irgendwas Fundamentales nicht oder wir haben wieder ein Indiz für "irrationale" Kapitalmarktbewegungen. Denn: Was ist das Risiko, dass Spanien - sicher ein Land mit Problemen und langfristigen Herausforderungen, aber einer Schuldenquote, die deutlich unter der Deutschlands liegt - im Februar 2012 diese jetzt emmittierten Anleihen nicht zurückzahlen kann?

Inflationserwartungen

Weil im Zuge der Diskussion um die Schuldenkrise wieder vermehrt Inflationssorgen aufkommen, hier noch mal die aktuellen Zahlen: Auf Basis deutscher inflationsindexierter Staatsanleihen berechnen sich für den Euroraum Inflationserwartungen für in 5 Jahren von 1,2 %, für in 7 Jahren von 1,3 % und für in 10 Jahren von 1,4 %.

Wenn überhaupt, dann ist die Wirtschaftspolitik im Euroraum also derzeit - selbst nach den formalen Vorgaben, die viele für nicht optimal halten - viel zu restriktiv.

Finanzstressindikator, Ergebnisse für Oktober

Der Stress im Finanzsektor in Deutschland ist im Oktober hoch geblieben. Das besagt auch die Auswertung des von mir monatlich berechneten Finanzstressindikators.

Der Indexwert ging ggü. September nur leicht von (herabrevidierten) 3,19 auf 3,03 zurück. Die Schuldenkrise im Euroraum hat die Finanzmärkte immer noch fest im Griff ...

Freitag, 18. November 2011

Erste Debatte über FAZ-Blog-Beitrag

Eine der ersten Beiträge auf dem neuen FAZ-Wirtschaftsblog hat direkt eine heftige Debatte ausgelöst.

Sowohl Mark Schieritz als auch Kantoos greifen Rainer Hanks Aussagen an, dass die überdimensionierten Wohlfahrtsstaaten an der Krise schuld seien. Schließe mich der Empörung in weiten Teilen an, habe aber leider gerade keine Zeit für längere Ausführungen.

Entweder oder?

Aus einem Artikel des Handelsblattes:
"Selbst wenn die EZB zum „lender of last resort“ (Kreditgeber letzter Instanz) würde, würde das nach Schäubles Einschätzung lediglich „vielleicht paar Monate eine gewisse Ruhe“ schaffen. Stattdessen müsse Europa wirtschaftlich und politisch enger zusammenrücken und sich verbindlich an die gemeinsamen Regeln halten."
Ich denke, dass ist keine Frage des "entweder oders", bzw. des "stattdessen": Um die langfristige Funktionsfähigkeit als entwickelter Währungsraum zu sichern, brauch der Euroraum sowohl einen "lender of last resort" als auch eine stärkere Koordinierung der Wirtschaftspolitik und eine automatischere und sanktionsbehaftetere Durchsetzung der Spielregeln.

Donnerstag, 17. November 2011

Sinn und Target 2, Klappe die ?

Nachdem ich zwischenzeitlich aus Medienbeiträgen und Gesprächen den Eindruck gewonnen hatte, dass H.-W. Sinn zumindest von seiner Aussage, dass sich die Target-2-Forderungen, die sich im Zuge der Schuldenkrise im Euroraum aufgebaut haben, negativ auf die Kreditvergabe in Deutschland auswirken würden, scheint die These nun zurück zu sein:
"Hinter den Target-Krediten steht keine autonome Politikentscheidung der Bundesbank und kein direkter Geldverleih. Nach den Statuten der EZB hat jede Zentralbank das Recht, mehr Geld in ihrem Hoheitsgebiet zu schaffen und an die Banken zu verleihen, als es der jeweiligen Wirtschaftsleistung entspricht und als im Inneren des Landes für die Geldversorgung benötigt wird. Nimmt sie dieses Recht in Anspruch, zwingt sie die anderen Notenbanken, in diesem Fall vornehmlich die Bundesbank, die Geldversorgung auf dem Wege der Kreditvergabe einzuschränken."
Bislang hat mir noch keiner erklären können, wieso aus den Target-2-Forderungen der Deutschen Bundesbank Kreditvergaberestriktionen für deutsche Banken entstehen, wo diese sich doch so viel Liquidität bei der EZB holen können, wie sie möchten (bzw. wie sie Sicherheiten vorweisen können). Tatsache ist allein: Derzeit greifen die deutschen Banken nur sehr geringfügig auf diese Option zurück, weil sie ihren Liquiditätsbedarf über Spareinlagen decken.

Und wieder mal ein Kuriosum, ...

... das in Folge der Schuldenkrisen auftritt: In der Schweiz sind die Zinsen für kurzfristige Staatsschuldtitel schon über einen signifikanten Zeitraum negativ, wie die ZEIT berichtet.


(ht: Uwe Jensen)

Mittwoch, 16. November 2011

Dominotheorie

Wolfgang Münchau zeigt auf SPON die Probleme des "Krisenmanagements in kleinen Schritten" auf.
"Es ist eine der wichtigsten Lektionen der Krisenpolitik in Argentinien, dass man die Krise frühzeitig und entschlossen lösen muss. So oder so. Je länger man wartet, desto teurer wird es für alle Beteiligten. Auch diese Lektion hat man weder in Berlin noch in Brüssel und Frankfurt verstanden. Angela Merkel und ihre Kollegen handeln immer erst dann, wenn die Märkte in Panik ausbrechen."
... und ein Ende ist derzeit noch nicht in Sicht ...

Dienstag, 15. November 2011

Konjunktur in Q3

Das (reale) Bruttoinlandsprodukt hat im dritten Quartal in Deutschland um 0,5 % zugelegt. Der Wert für das zweite Quartal (bei dem sowieso keiner verstanden hatte, warum er so schwach war) wurde von 0,1 % auf 0,3 % hochrevidiert.

Für die nächsten Quartale ist aber mit einer deutlich schlechteren Entwicklung auszugehen.

Samstag, 12. November 2011

Donnerstag, 10. November 2011

Debatte über Einkommensungleichheit

In den USA tobt in Folge der Occupy Wall Street (OWS) Proteste eine Debatte um die Frage, wie sich die Einkommensungleichheit entwickelt hat, d.h. wer sind diejenigen, die in den vergangenen Dekaden profitiert haben, und wer hat verloren - und was dafür verantwortlich ist.

Zwei Beispiele: R. Rajan meint, dass das meiste an Ausbildungsdifferenzen liegt und generell die obere Mittelschicht und die Topverdiener von veränderten Arbeitsanforderungen profitiert hätten, während schlechtausgebildete "auf der Strecke geblieben" sind.

Allerdings zeigt P. Krugman, dass es wirklich nur das oberstel 1 % der Einkommensverteilung ist, was gewonnen hat (siehe auch hier) und dass ein Großteil davon auf Steuererleichterungen zurückgeht.

Ich selber kenne mich in den Daten nicht genug aus, um zu sagen, wer Recht hat - aber jedenfalls wird die Debatte dort deutlich heftiger geführt als in Deutschland. Aber vielleicht ändert sich das ja noch. Der SVR hat jedenfalls auch ein Kapitel zur Einkommensverteilung in Deutschland im gestern veröffentlichten Jahresgutachten.

Letzte Rettung EZB?

Mit dem Überschwappen der Schuldenkrise nach Italien flammt die Diskussion über die Rolle der EZB in dem ganzen Schlamassel wieder auf.

Erstmal vorweg: Sollte es hart auf hart kommen und sich die Schuldenkrise in Italien weiter zuspitzen, dann wird (und sollte) die EZB so oder so handeln und italienische Staatsanleihen kaufen, um einen finanziellen Kollaps der Eurozone zu verhindern.

Die Fragen, die sich nun stellen, sind: Soll man es (mal wieder) so weit kommen lassen? Oder wäre es nicht endlich Zeit präventiv zu handeln? Wäre es nicht endlich Zeit zuzugeben, dass wir ein institutionelles Re-Desing im Euroraum brauchen, das wir das aber nicht auf die Beine stellen können, wenn es jeden zweiten Tag an einer anderen Ecke brennt?

Ein Szenario wäre: Die EZB (oder die EFSF, aber die hat eben nur begrenzte Mittel zur Verfügung) setzt in dem Moment, wo sich Italien verbindlich zu einem langfristigen Konsolidierungspfad verpflichtet, der von IWF, EZB und EU-Kommission bei Androhung von Sanktionen überwacht wird, eine Obergrenze für die Rendite auf italienische Staatsanleihen, d. h. eine Untergrenze für den Preis der Anleihen. Idealerweise mit dem Hinweis, dass diese Grenze für die Anleihenpreise bei positiver Bewertung des Konsolidierungsprogramms jederzeit angehoben werden könnte. Die EZB würde diese Grenze mit unbegrenzten Mitteln verteidigen. Geschähe dies, stünden die Chancen nicht schlecht, dass die EZB gar nicht viele Mittel aufwenden müsste, weil niemand die Grenze testen will, um dabei Geld zu verlieren.

Die schweizer Nationalbank hat mit einem solchen Vorgehen jüngst den Kurs des schweizer Frankens zum Euro erfolgreich bewegt, ohne dafür effektiv Geld einzusetzen.

Nachdem dann der Stress im Finanzsystem gesunken ist, kann man sich in Ruhe darüber unterhalten, woran die Schuldenkrise gelegen hat und welche neuen Strukturen notwenig sind - aber das Gehangel von Krisengipfel zu Krisengipfel und das Agieren immer erst, wenn es fast zu spät ist, verteuert die ganze Sache unnötig und erschwert die richtige Neugestaltung des Euroraums.

Update: Krugman-Interview zum Thema im Handelsblatt.

CDU-Vorschlag zu EZB-Stimmrechten

Ich habe große Bauchschmerzen mit dem Vorschlag, über den auf dem CDU-Parteitag debattiert werden soll und nach dem die Stimmrechte im EZB-Rat nach der höhe des Kapitals berechnet werden sollen. Gleiches hat auch ifo Präsident H.-W. Sinn in der Vergangenheit gefordert.

Hier mein Problem: Wenn nun der deutsche Vertreter im EZB-Rat aufgrund der Tatsache, dass ihn Deutschland entsendet, ca. 27% der Stimmrechte haben würde (anstatt wie heute 1/(17+6)), dann würde das ja implizit bedeuten, dass er dort auch die Interessen des Kapitalgebers, also Deutschlands, zu vertreten hat (eine andere implizite Begründung für eine Gewichtung der Stimmen gibt es nicht). Nun soll der EZB-Rat aber den Euroraum als Ganzes im Blick haben und es ist bei der Ausarbeitung der Institutionen viel Wert darauf gelegt worden, dass nationale Perspektiven keine Rolle spielen sollen.

Also, mein Plädoyer: Macht die EZB europäischer und nicht deutscher!

Sinns Target 2-Debatte

Hans-Werner Sinn wettert weiter an allen Ecken und Enden gegen das Zahlungsausgleichssystem für Banken im Euroraum (Target 2). Nachdem schon am 28.10. ein Beitrag im Handelsblatt erschienen war, gibt es heute (leider noch nicht online) noch mal das Gleiche zu lesen.

Den heutigen Beitrag schließt er mit der Aufforderung:
"Wann wacht die Politik endlich auf und beschäftigt sich mit diesem Vorgang?"
Das Problem, dass ich sehe ist, dass ich in der Öffentlichkeit von H.-W. Sinn noch in keinem der zahllosen Beiträge einen Vorschlag gelesen habe, wie denn die Regeln des Euroraums geändert werden sollten. Über eine Beschreibung der Realitäten gehen die Beiträge nicht hinaus.

Im Moment ist es jedenfalls so, dass sich alle Banken des Euroraums bei der EZB refinanzieren können - und wenn dabei Ungleichgewichte zwischen den Staaten auftreten, dann ist das erstmal so. Wenn Herr Sinn vorschlägt, die Regeln zu ändern, und so das griechische, spanische, irische und italienische Bankensystem austrocknen - und damit die Länder in einer Depression stürzen - will, dann soll er das mal genau so im Handelsblatt schreiben. Oder eben einen alternativen Handlungsvorschlag ... damit es etwas Konkretes gibt, mit dem sich die Politik beschäftigen kann.

Außerdem stimmt es ja nicht, dass sich die Politik überhaupt nicht mit dem Vorgang beschäftigt. Die EZB hat dazu geschrieben - und gestern auch der SVR.

Update: Hier noch der Link zum Arbeitspapier des ifo Instituts über die Thematik.

Mittwoch, 9. November 2011

Abgesänge auf den Euro

Nachdem die Ankündigung des Rücktritts von Berlusconi nicht zu einer Beruhigung der Lage beigetragen hat, sondern sie noch deutlich verschärft hat (Die Renditen italienischer Staatsanleihen steigen rasant - und eigentlich ist das auch nicht verwunderlich, denn nach der Rücktrittsankündigung ist die Unsicherheit darüber, wie die italienische Politik nach dem Jahreswechsel aussehen wird, noch größer geworden. Eigentlich müssten schnell klare Verhältnisse geschaffen werden und sich das gesamte politische Spektrum auf einen langfristigen Konsolidierungspfad einigen.), werden die Abgesänge auf den Euro lauter.

Z. B. Martin Wolf in der FT (wenn Link nicht geht, über Google auf den Artikel zugreifen):
"Only fear of the consequences of a break-up is now keeping it together. The question is whether that will be enough. I suspect the answer is, no."
Und weiter:
"The crisis will be over if and only if weaker countries regain competitiveness. At present, their structural external deficits are too large to be financed voluntarily."
Und diese notwendige Anpassung (bei festen nominalen Wechselkursen im Euroraum) erleichtert man eben nicht dadurch, dass man zu jeder Tages- und Nachtzeit meint, das Inflationsgespenst zu sehen und laut vor ihm warnen zu müssen.

SVR-Gutachten

Der Sachverständigenrat (die 5 Wirtschaftsweisen) hat heute sein Gutachten vorgestellt. Darin steht (wen wundert's?) ziemlich viel über die Schuldenkrise im Euroraum. Der Rat benennt zwar auch die hervorgehobene Rolle Deutschlands bei der Lösung der Krise, sieht aber in erster Linie die "Krisenländer" mit weiteren Sparanstrengungen am Zuge:
"Bei der Bewältigung der Krise im Euro-Raum ist der deutschen Wirtschaftspolitik eine besondere Verantwortung zugewachsen. Sie hat sich dieser Herausforderung letztlich gestellt, insbesondere mit der deutlichen Ausweitung des Handlungsspielraums der EFSF. Aber man darf sich keinen Illusionen hingeben: Die langfristige Stabilisierung des Euro-Raums steht noch aus. Hier sind vor allem die Problemländer gefordert, die Konsolidierung konsequent fortzusetzen und notwendige Strukturreformen mutig in Angriff zu nehmen. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Anstrengungen durch die allgemeine Verunsicherung der Investoren und steigende Risikoprämien unterlaufen werden Für diesen Fall wird in diesem Gutachten das Konzept eines Europäischen Schuldentilgungspakts zur Diskussion gestellt. Er verbindet eine glaubwürdige Konsolidierungsperspektive mit einer umfassenden kurzfristigen Absicherung des europäischen Finanzsystems."
Für die deutsche Konjunktur ist der SVR - wie die Gemeinschaftsdiagnose - verhalten optimistisch:

Renditen für Anleihen Italiens

Jetzt haben sich die Anleger nachhaltig auf Italien eingeschossen. Die Renditen steigen - trotz Ankündigung von Berlusconis Rücktritt - unaufhörlich.

Jetzt ist schleunigst die Politik gefordert, damit nicht die Situation eintritt, in der Italien die Refinanzierung an den Märkten einstellt und sich unter die EFSF flüchten will.

Donnerstag, 3. November 2011

Draghis gelungener Einstand

Mario Draghi hat seine erste Pressekonferenz - nach der heutigen Zinssenkung - gut gemeistert. Das sieht auch die FAZ in einem sehr positiv gestimmten Kommentar so. (Da hat man in letzter Zeit auch schon Ressentiment-geladenere Beiträge gelesen.) Ich bin da gar nicht bange, dass er sich auch bei der EZB als guter Zentralbanker erweisen wird.

Einzig die Meinung, dass sich die Geldpolitik an der aktuellen Inflationsrate orientieren sollte (und nicht der für die nähere Zukunft erwarteten, den langfristigen Inflationserwartungen oder zumindest der Kerninflationsrate) ist aus der Öffentlichkeit nicht zu verbannen.
"Über den Zeitpunkt kann man sicher streiten - die EZB hätte angesichts einer Inflationsrate von 3 Prozent bis Dezember warten können."
Allerdings relativiert die FAZ die Aussage später selber:
"Denn wegen der schwachen Konjunktur und aufgrund von Basiseffekte werde die [Inflations-]Rate im nächsten Jahr unter 2 Prozent sinken."

Turbulenter Tag

Nachdem die EZB bei ihrer ersten Sitzung unter dem neuen Präsidenten überraschenderweise direkt den Zinssatz um 25 Basispunkte gesenkt hat - und damit auf die Rezessionsgefahr und niedrigen Inflationserwartungen im Euroraum reagiert hat -, scheint es so zu sein, dass die griechische Regierung am Ende ist. Medienberichten zu Folge soll eine Übergangsregierung aus "Technokraten" gebildet werden.

Jedenfalls ist es im Moment schwer, mit den Ereignissen im Euroraum mitzuhalten ...

Mittwoch, 2. November 2011

Schuldensünder der Vergangenheit

Die FTD listet auf, welche Staaten in der Vergangenheit schon am häufigsten in eine staatliche Zahlungsunfähigkeit (-unwilligkeit) geraten sind. Die Rangliste:
  1. Spanien
  2. Frankreich
  3. Russland
  4. Argentinien
  5. Deutschland
  6. Mexiko
  7. Großbritannien
  8. Griechenland

Dienstag, 1. November 2011

Eurokrise nicht tot zu kriegen

Nach der Ankündigung eines Referendums über die neuen Hilfspakete für Griechenland in Griechenland wird klar, dass die Krise alles andere als vorbei ist.

Paul Krugmans - soll man sagen? - Nachruf auf den Euro:
"I’ve been charting this trainwreck for a couple of years, and am feeling too weary to trace through it again right now. Let’s just say that the euro was an inherently flawed idea that can work only given a strong European economy and a significant degree of inflation, plus open-ended credit to sovereigns facing speculative attack. Yet European elites embraced the notion of economics as morality play, imposing across-the-board austerity, tightening money despite low underlying inflation, and have been too concerned with punishing sinners to notice that everything was going to blow apart without an effective lender of last resort."
Auch Bradford DeLong führt die Probleme in erster Linie auf ein zu enges Verständnis von Geldpolitik, d.h. der Rolle der Zentralbank zurück. In die gleiche Richtung ging auch unsere Meinung im Herbstgutachten.

Allerdings gibt es tatsächlich das Problem, dass das Währungsgebiet aus einzelnen fiskalischen Gebieten besteht, die politisch wohl noch nicht reif für eine gemeinsame Finanzpolitik sind. Deswegen müsste, sollte die EZB die Rolle des "Lenders of Last Resort" wirklich zugewiesen bekommen, bzw. ausüben, durch andere wirkungsvolle Mechanismen sichergestellt werden, dass kein Moral Hazard entsteht, d. h. dass nicht einzelne Länder auf kosten der anderen eine zu laxe Finanzpolitik betreiben. Das geht meiner Meinung nach nur über i) Automatismen (und nicht zwischenstaatliche Verhandlungen/Entscheidungen im Einzelfall) und ii) innerhalb der (zu ändernden) Europäischen Verträge (und nicht über nationale Schuldenbremsen, die im Ernstfall schnell Makulatur wären).

Allerdings ändert dies alles nichts daran, dass sich zeigt, dass wir entweder einen "Lender of Last Resort" brauchen oder das Finanzsystem (unter Verzicht auf heimische risikolose Wertpapiere) so regulieren müssen, dass Staatsinsolvenzen keine qualitativ anderen Auswirkungen mehr hätten als, sagen wir, die Insolvenz eines Großunternehmens. Aber das würde eben eine Menge mehr Regulierung und deutlich höhere Kapitalquoten erfordern ... und löst auch nicht die akuten Probleme, in denen wir stecken.