Dienstag, 31. Januar 2012

Das kann dauern ...

Richard Koo fasst in einem neuen Aufsatz noch mal seinen Punkte zu seinem Konzept der "Balance Sheet Recession" zusammen. Unter anderem zeigt er, dass es sehr lange Zeit dauern kann, bis der private Sektor selbst bei niedrigste Zinsen wieder anfängt, Kredite aufzunehmen ... und damit das breite Geldmengenwachstum anzukurbeln.

"After the U.S. private sector’s devastating experience of paying down debt during the Great Depression, the same aversion to borrowing kept interest rates unusually low for a full thirty years, until 1959 (Exhibit 15). The fact that it took the U.S. three decades to bring interest rates back up to 4 percent even with massive fiscal stimuli in the form of the New Deal and World War II suggests the severity of the trauma. Indeed many of those Americans forced to pay down debt during the Depression never borrowed again. The experiences of post-1929 US and post-1990 Japan suggest that interest rates will remain low for a very long time even after private sector balance sheets are repaired."
Er schließt daraus:
"The governments of countries facing exit problems should therefore introduce incentives for businesses to borrow. Such incentives, which may include investment tax credits and
accelerated depreciation allowances, should be exceptionally generous in order to attract private sector attention. The sooner the trauma is overcome, the sooner the government can embark on fiscal consolidation. The generosity will more than pay for itself once the private sector trauma is overcome."
Da derzeit (fast) alle wichtigen Volkswirtschaften in einer Situation sind, in der der Privatsektor Schulden abbaut, sagt Koos Weltbild noch niedrige Zinsen für eine lange Zeit vorher ... und zwar ohne, dass es zu einer Aufblähung der breiten Geldmenge oder ausufernder Inflation kommt.

Freitag, 27. Januar 2012

US-Produktion im vierten Quartal, II

So, man hängt sich ja immer weit aus dem Fenster, wenn man kurz vor den offiziellen Zahlen ein Flash-Estimate abgibt, aber diesmal ist es wieder gut gegangen. Am Montag hatte ich den Anstieg des BIP in den USA für Q4 auf 2,5 % geschätzt ... geworden sind es nun 2,8 %. (Annualisierte Werte, d. h. ich lag nicht mal 0,1 % daneben.)

Mein Bild für die US-Konjunktur bleibt also intakt. Weiter moderates Wachstum bei sich nur langsam erholender Auslastung der Kapazitäten.

Steuereinnahmen sprudeln

Der Bund hat im Dezember Rekordsteuereinnahmen verzeichnet. Die ehemaligen Kollegen am IfW schätzen, dass auch im laufenden Jahr kräftig eingenommen wird, so dass die Neuverschuldung am Ende des Jahres mit ca. 17 Mrd. Euro wieder relativ gering sein könnte.

Unsere Schätzung vom Dezember liegt mit 18,5 Mrd. Euro etwas drüber ... aber im März kommt dann die neue Prognose mit dem (wahrscheinlich optimistischeren) Update.

Mittwoch, 25. Januar 2012

In eigener Sache

Danke für 20.000 Seitenaufrufe! Im Vergleich zu den großen Blogs ist das natürlich nicht viel ... aber für meine bescheidenen Möglichkeiten, was den Zeiteinsatz angeht, ganz ok. Als "Quant" habe ich natürlich fleißig weiter die Zugriffsdaten als Zeitreihe gesammelt (Skala bei 80 abgeschnitten):


Gegenüber den ersten 1,5 Jahren hat sich nicht viel verändert. An Wochentagen ist immer noch mehr Traffic als am Wochenende und externe Verlinkungen sowie längere Beitragspausen (z. B. Weihnachten) machen sich direkt bemerkbar. Derzeit liegt der Durchnitt bei rund 40 Zugriffen pro Tag.

Montag, 23. Januar 2012

Noch mehr Schulden?

Nur eine Beobachtung:

Während die FAZ - stellvertretend für die Mehrheitsmeinung in Deutschland - gegen Forderungen des IWFs argumentiert ...
"Christine Lagarde vom Internationalen Währungsfonds ist abermals in panischer Stimmung. Sie setzt auf das amerikanische Rezept: noch mehr Schulden und noch mehr billiges Geld. Das löst die Strukturprobleme nicht."
... hat Paul Krugman in einem Beitrag eine interessante Graphik, die zeigt, dass es mitnichten darum geht, gesamtwirtschaftlich noch mehr Schulden aufzuhäufen. Allein: Im Moment gleicht dort die steigende öffentliche Verschuldung den Rückgang der privaten aus, um ein Abgleiten der Wirtschaft zu vermeiden.

Ökonomie neu denken

Was aktuelles: Heute und morgen kann man über diesen Link der Tagung "Ökonomie neu denken" in Frankfurt folgen. (Hintergründe sind hier zusammengefasst.)

Risikoprämien im Euroraum

Interessante Graphik aus einem Aufsatz von De Grauwe und Ji (Kurzfassung):

Die Autoren schreiben:
"The most striking feature of [the figure] is that at some point in time the spreads of some countries deviate spectacularly from the fundamental relation. We have circled these points of departure (defined as more than three standard deviations away from the fundamental line). They relate to Greece, Ireland, and Portugal – and they emerge in 2010.

We also find evidence that after years of neglecting high debt-to-GDP ratios, investors became increasingly worried about the high debt-to-GDP ratios in the Eurozone, and reacted by raising the spreads. No such worries developed in standalone countries despite debt ratios that were equally high and increasing."
Hier zeigt sich schön, dass insbesondere in Krisenzeiten und allen "nicht-normalen" Zuständen Nichtlinearitäten sehr wichtig sind. Ich würde beispielsweise sagen, dass die Beobachtungen des roten Kreises ziemlich übereinstimmen mit einem Modell, in dem der Risikoaufschlag bei Schuldenständen von mehr als 100 % des BIP nichtlinear und beschleunigt zunehmen. (Die geplottete rote Linie basiert auf einem linearen Modell. Die Autoren schätzen auch ein nicht-lineares Modell; allerdings zeigen sie den Fit nicht und der Koeffizient deutet auf einen rel. kleinen Effekt hin ... was auch nicht weiter verwunderlich ist, weil der Großteil der Beobachtungen der Stichprobe sicherlich mit einem linearen Modell gut beschrieben ist.)

Allein die Beobachtungen des blauben Kreises sprechen dafür, dass im Euroraum derzeit etwas Besonderes vor sich geht. Die Autoren zeigen, dass solche Risikoaufschläge derzeit bei Staaten mit souveräner Geldpolitik nicht zu beobachten sind. Deswegen kann ich folgen, wenn die Autoren schlussfolgern:
"Members of a monetary union issue government debt in a currency they do not control. As a result, the governments of these countries cannot guarantee that the cash will always be available to pay out the bondholders. This contrasts with stand-alone countries; which owing to the fact they have their own central bank, can always make sure that the cash will be there to pay out bondholders. The absence of a guarantee that the cash will always be available creates a situation in a monetary union in which a liquidity crisis arises. And because such a crisis leads to large increases in the interest rate on government debt it can drive governments of a monetary union into default. The important ingredient in this dynamics is its self-fulfilling nature: when investors start fearing default they will sell the bonds, creating a liquidity crisis that degenerates into a solvency crisis. The fear of insolvency creates conditions that make insolvency more likely.

This fragility has two effects. First, investors become more nervous when the debt-to-GDP ratios increase in member countries of a monetary union (as they did after 2008) than when similar increases occur in stand-alone countries. [...] Second, the fragility of a monetary union also implies that fears are enlarged and through contagion can take panic proportions, very much like one observes in banking systems that exhibit a similar fragility [...]."
Das bedeutet, dass die Genesung der Krisenstaaten derzeit durch "unüblich" hohe Zinsen erschwert wird. Ich teile allerdings nicht die Meinung der Autoren, dass die Risiken derzeit notwendigerweise überpreist werden:
"The systematic overpricing of sovereign risk since 2010 had the effect of pushing these countries into bad equilibria characterised by solvency crises and deep recessions."
Vielmehr ergibt sich die Risikoeinschätzung ja - wie die Autoren gerade zeigen - daraus, dass es im Euroraum derzeit die besondere institutionelle Konstellation aus fiskalischer Souveränität bei gemeinsamer Geldpolitik gibt.

US-Produktion im vierten Quartal

Schon fast eine Tradition: Hier meine Voraussage auf Basis des Kurzfristmodells für die Veränderung des realen BIP in den USA im vergangenen vierten Quartal. (Die erste offizielle Schätzung wird am Freitag veröffentlicht.)

Das Modell schätzt ziemlich genau eine (annualisierte) Zunahme um 2,5 %. Das ist ein Wenig weniger als der derzeitige Konsens, aber zuletzt wurden viele der Vorhersagen nach unten revidiert ...

Mal schauen, wie das Modell nach dem ersten und dem zweiten Versuch, nun im dritten abschneidet.

Mittwoch, 18. Januar 2012

Begründung des S&P-Downgrades

Ich argumentiere hier ja schon länger, dass schludrige Finanzpolitik nicht die Kernursache der Krise im Euroraum ist.

Die Wortführer im Europäischen Rat sehen das bekanntlich anders ... und fühlten sich durch die Bonitätsherabstufungen durch S&P von vergangener Woche dann ja auch ungerecht behandelt, weil sich die Eurostaaten kurz vorher auf das Fiskalpaket geeinigt hatten, das im gesamten Euroraum eine sowohl kurz- als auch langfristig sehr restriktive Finanzpolitik vorsieht.

In der Begründung von S&P heißt es aber wörtlich:
"We also believe that the agreement [über das Fiskalpaket] is predicated on only a partial recognition of the source of the crisis: that the current financial turmoil stems primarily from fiscal profligacy at the periphery of the eurozone. In our view, however, the financial problems facing the eurozone are as much a consequence of rising external imbalances and divergences in competitiveness between the eurozone's core and the so-called "periphery". As such, we believe that a reform process based on a pillar of fiscal austerity alone risks becoming self-defeating, as domestic demand falls in line with consumers' rising concerns about job security and disposable incomes, eroding national tax revenues."
In den nächsten Quartalen werden wir (wie schon in den vergangenen Jahren in Griechenland) in weiten Teilen des Euroraums die Konsequenzen in Form von heftigen Rezessionen zu sehen bekommen.

Dienstag, 17. Januar 2012

Einlagefazilitätsvolumen bricht täglich neue Rekorde

Hier mal ein kurzes Update zur Einlagefazilität als Fieberthermometer für die Finanzkrise im Euroraum:


Die Kurven (Tagesdaten und gleitender 15-Tage-Durchschnitt) zeigen, dass dieses "Notdepot" der EZB von den Banken mittlerweile stärker genutzt wird als während der Finanzkrise 2009/2010. Zwischen den privaten Finanzinstituten herrscht einfach ein solches Misstrauen, dass der Interbankengeldmarkt seine Funktion nicht mehr erfüllt.

(Zur Erinnerung: Die mittlerweile über 500 Mrd., die täglich bei der EZB angelegt werden, werden nur mit 0,25 % verzinst.)

Freitag, 13. Januar 2012

Handelsblatt über EZB

Das Handelsblatt titelt heute (Printausgabe) "Europäische Zentralbank - Die wundersame Geldvermehrung. Vom Währungshüter zur Gelddruckmaschine".

Glaubt irgendjemand, dass es in Sachen Euro heute noch was zu hüten gäbe, hätte die EZB nicht das getan, was sie in den vergangenen Jahren gemacht hat (von Nuancen jetzt mal abgesehen)?

Donnerstag, 12. Januar 2012

Finanzstressindikator, Ergebnisse für Dezember

Etwas verspätet hier die Ergebnisse für den montlichen Finanzstressindikator für Dezember.


Der Indexwert stieg leicht auf knapp über 2. Während Risikoaufschläge am Geldmarkt und an den Kreditmärkten weiter stiegen, sank die Volatilität am Aktienmarkt deutlich. Insgesamt immer noch ein hohes Niveau ... die Krise im Euroraum hängt immer noch als Damoklesschwert über den Märkten.

Mittwoch, 11. Januar 2012

AEA will Interessenskonflikte öffentlich machen

Die AEA hat auf der diesjährigen Tagung beschlossen, dass Autoren bei Publikation in allen ihren Zeitschriften in Zukunft angeben müssen, welche Honorare/Stipendien sie in den letzten 3 Jahren bekommen haben. Aus der FAZ:
"Die Autoren müssen alle „interessierten Parteien“ angeben, von denen sie in den letzten drei Jahren finanzielle Unterstützung etwa in Form von Beratungshonoraren oder Stipendien von mehr als 10.000 Dollar erhalten haben.

Die Vereinigung mit ihren rund 17.000 Mitgliedern will mit den neuen Regeln der im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise lautgewordenen Kritik entgegenwirken, die Ökonomen seien von der Finanzwirtschaft und anderen Unternehmen „gekauft“ worden. Die amerikanische Öffentlichkeit erwartet üblicherweise, dass Ökonomen, die sich etwa in Zeitungskommentaren oder als Experten im Kongress äußern, unabhängig sind. Wie mehrere Studien zeigen, legen viele Ökonomen dabei [bisher] aber nicht offen, in welchen Diensten sie neben ihrer Universitätstätigkeit stehen."
Eine genausogute Neuerung, wie ich finde, wie die in vielen guten Zeitschriften mittlerweile eingeführte Publikationspflicht für verwendete Daten.

Nun ist es offiziell

Die Produktion in Deutschland legte 2011 um 3 % (real) gegenüber dem Vorjahr zu. Diese vorläufige Schätzung gab das Statistische Bundesamt heute bekannt.
"Die Wachstumsimpulse kamen 2011 vor allem aus dem Inland. Insbesondere die privaten Konsumausgaben erwiesen sich als Stütze der wirtschaftlichen Entwicklung: Sie legten preisbereinigt mit + 1,5 % so stark zu wie zuletzt vor fünf Jahren. Daneben war das Jahr 2011 wiederum geprägt von einer kräftigten Investitionsdynamik: Es wurde deutlich mehr in Ausrüstungen (preisbereinigt + 8,3 %) – darunter fallen hauptsächlich Maschinen und Geräte sowie Fahrzeuge – und Bauten (preisbereinigt + 5,4 %) investiert als ein Jahr zuvor.

Der Außenhandel hatte zwar einen geringeren Anteil am BIP-Wachstum als die Binnennachfrage, zeigte sich aber weiterhin dynamisch: Deutschland exportierte im Jahr 2011 preisbereinigt 8,2 % mehr Waren und Dienstleistungen als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig stiegen die Importe etwas weniger stark (+ 7,2 %). Die Differenz zwischen Exporten und Importen – der Außenbeitrag – steuerte 0,8 Prozentpunkte zum BIP-Wachstum 2011 bei."
Im laufenden Jahr wird es wohl weniger. Wir schätzen knapp über 1 % Zuwachs; die meisten Prognostiker gehen von ca. 0,5 % Zunahme aus.

Dienstag, 10. Januar 2012

Neue Verhältnisse in Italien

In Italien zieht die Steuerfahndung anscheinend tatsächlich andere Saiten auf. Die FAZ berichtet darüber, dass Steuerfahnder am 30. Dezember eine großangelegte Prüfung in einem Nobelwintersportort durchgeführt hat:
"So seien etwa 251 große Luxusautos gestoppt worden, von denen 133 auf Privatpersonen zugelassen gewesen seien. Von denen wiederum hätten 42 sowohl für 2009 als auch für 2010 ein Jahreseinkommen von weniger als 30 000 Euro angegeben, 16 weitere ein Einkommen von weniger als 50 000 Euro. [...]

In Cortina sind aber nicht nur die Gäste, sondern auch Besitzer von Restaurants, Bars und Geschäften ins Zwielicht gebracht worden. Zwar wurden nur 35 der 1000 Betriebe in Cortina gefilzt. Doch die Fahndungsaktion, die sich sofort herumgesprochen hat, brachte überraschende Verhaltensänderungen hervor: Niemand hat sich offenbar am 30. Dezember getraut, die Kunden ohne offizielle Rechnung oder Kassenzettel ziehen zu lassen. Doch damit wurde den Steuerfahndern wiederum ein neuer Ansatzpunkt für Ermittlungen geliefert.

Denn sie fragen sich, warum der Umsatz von Restaurants gegenüber dem Vorjahr plötzlich um 300 Prozent gestiegen ist, der von Juwelierläden um 400 Prozent."
Das Grundproblem scheint dort - ähnlich wie in Griechenland - zu sein, dass bislang einfach nur ein Bruchteil der steuerlichen Bemessungsgrundlagen (bei Unmsatz und Einkommen) erhoben wird.

Überschüsse für alle!

Über Lösungsansätze kann man streiten. Aber die Fakten kann man nicht oft genug rumzeigen: Krugman mal wieder über die Unmöglichkeit alle Länder gleichzeitig über den Außenhandel gesunden zu lassen:
"Now, other countries within Europe could emulate Germany’s past if Germany herself were willing to let its current account surplus vanish. But it isn’t, of course. So the German demand is that everyone run a current account surplus, just like they do — something that would only be possible if we can find someone or something else to buy our exports."
(Ich jedenfalls habe noch selten von den "Wettbewerbsfähigkeitsfetischisten" eine Antwort darauf gehört, bzw. überhaupt die Einsicht erkennen können, dass das wohl ein Problem ist.)

Montag, 9. Januar 2012

Geldgeschenke

Auch Deutschland bekommt jetzt Geld von Investoren dafür, dass diese Deutschland Geld leihen dürfen. Nachdem zum Jahresanfang die Regeln für das Auktionsverfahren zum Verkauf von kurzfristigen Bundesanleihen geändert wurden, sind nun auch negative Zinssätze beim Bieten möglich ... und die Käufer haben direkt mal davon gebraucht gemacht: -0,0122 %. (HT: FT Alphaville.)

Das ist zwar nicht viel, aber immerhin bekommt Deutschland dafür, dass es sich 1 Mio. Euro bei jemandem für 6 Monate leiht, von diesem am Ende gut 60 Euro "geschenkt".

Zusammen mit den immer weitere Rekordstände erklimmenden Einlagen bei der EZB zeigt dies einmal mehr, wie hoch das Misstrauen im Finanzsektor ist, d. h. wie verzweifelt die Anleger nach Plätzen suchen, wo sie ihr Kapital sicher wähnen.

Sonntag, 8. Januar 2012

Wo Griechenland sparen könnte

... ohne der eigenen Wirtschaft weh zu tun: Am Verteidigungshaushalt, insbesondere an den Investitionen für Waffensysteme. Die ZEIT hat in der aktuellen Ausgabe einen interessanten Artikel über das Thema.
"2010 betrug der griechische Rüstungsetat fast sieben Milliarden Euro. Das entsprach knapp drei Prozent der Wirtschaftsleistung, eine Zahl, die in der Nato nur von den USA übertroffen wurde. [...]

Dem jüngsten Rüstungsexportbericht ist zu entnehmen, dass Griechenland 2010 exakt 223 Panzerhaubitzen von Typ M109 aus Bundeswehrbeständen sowie ein U-Boot der Klasse 214 aus Deutschland importierte. Gesamtwert der Waffengeschäfte: 403 Millionen Euro. In den Jahren davor verdiente im Süden Europas vor allem Krauss-Maffei Wegmann prächtig. Das Münchner Unternehmen lieferte 170 Leopard-2-Panzer an Athen aus, dabei ging es um 1,7 Milliarden Euro. Als die Griechen mit den Zahlungen in Rückstand gerieten, sprachen Spitzenbeamte der Bundesregierung das Thema immer wieder an. »Die Linie war, Ausstände Griechenlands in der Rüstungsindustrie einzutreiben«, sagt ein deutscher Lobbyist. [...]

Schon laut Stabilitäts- und Wachstumsprogramm für Griechenland für das Jahr 2010 sollte das Budget für Rüstungsausgaben nur um 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung gekürzt werden – um 457 Millionen Euro. Das klingt viel, doch im selben Dokument wurde vorgeschlagen, die Sozialausgaben um 1,8 Milliarden Euro zu kappen. [...]

Im Etat für 2012 ist vorgesehen, dass der Sozialhaushalt um weitere neun Prozent schrumpfen soll, also um zwei Milliarden Euro. Die Beiträge zur Nato hingegen sollen um 50 Prozent auf dann 60 Millionen Euro steigen, die laufenden Ausgaben für den Verteidigungshaushalt gar um 200 Millionen auf dann 1,3 Milliarden Euro: ein Plus von 18,2 Prozent."

Würde im Militäthaushalt in Griechenland ordentlich gespart ergäben sich folgende positive Effekte:
  1. In Griechenland würden unproduktive, staatliche Jobs wegfallen.
  2. Die Leistungsbilanzposition Griechenlands würde sich verbessern, jene der Lieferanten verschlechtern (was auch notwendig ist).
  3. Sollten in Deutschland dadurch Stellen in der Rüstungsindustrie wegfallen, dann wohl nur für solche Fachkräfte, die derzeit sowieso überall händeringen gesucht werden.

Donnerstag, 5. Januar 2012

Griechenland 2012 ...

... wird uns im Prinzip in gleicher Weise begleiten wie im vergangenen Jahr. Heute geistern mal wieder Warnungen vor einer bevorstehenden Zahlungsunfähigkeit (diesmal im März) durch die Medien (z. B. in der FAZ).

Meine Prognose: Es wird auch noch ein Weilchen so weitergehen. Denn wirklich den Geldhahn zudrehen werden EU und IWF den Griechen vorerst nicht, weil die Konsequenzen zu dramatisch wären. So werden wir uns von Zahlungstranche zu Zahlungstranche hangeln.

Dienstag, 3. Januar 2012

Asmussen wird NICHT EZB-Chefvolkswirt

Die Aufgaben im neuen Direktorium der EZB sind verteilt - und J. Asmussen wird doch nicht EZB-Chefvolkswirt. Den Posten (der offiziell nicht mehr so heißt) bekommt der Belgier Peter Praet. Asmussen wird neuer "EZB-Außenminister"; er wird demnächst für die EZB bei allen internationalen Verhandlungen am Tisch sitzen ... in Zeiten des permanenten Krisenmanagements eigentlich nicht so eine schlechte Aufgabe.

Das meinen FAZ, Handelsblatt, SZ, SPON und FTD dazu. Insgesamt wird die Verteilung der Posten durch Draghi als gelungen angesehen.

Geldmengen

FT Alphaville hat einen interessanten Beitrag darüber, wie und warum die jüngsten Aktionen der EZB nicht dazu führen, dass im Euroraum Unmengen von Geld entstehen ... und warum uns das ein wenig Sorge bereiten sollte.

Die interessanteste Graphik zitiert FT Alphaville aus einem Report der SG:


Während die Geldbasis also munter ausgeweitet wird, kommt davon rein gar nichts in den breiten Geldmengenaggregaten an:
"Put another way, there are not enough creditworthy counterparties in the system to encourage any sort of money multiplication effect at all. Banks and investors just want to get their principal back and are even prepared in some cases to pay out a negative interest rate to ensure that as much of their principal as possible is returned at some date.

Put another way still, the central bank transmission mechanism has been compromised because expansion or contraction of high-powered money makes no difference to the overall amount of money which is multiplied into the system."

Keine Anzeichen von Rezession auf dem Arbeitsmarkt

Die Arbeitsmarktentwicklung in Deutschland ist weiter positiv. Bis Dezember zeigten sich noch keine Anzeichen dafür, dass die Unternehmen mit einer erneuten Rezession rechnen. Saisonbereinigt sank die Arbeitslosigkeit im Dezember um 22.000 gegenüber dem Vormonat.


Die Abbildung zeigt, dass es mittlerweile so wenig Arbeitssuchende gibt wie zuletzt 1991. (Und ja: Die offizielle Statistik weißt nicht alle aus, die wirklich Arbeit suchen - aber das war 1991 auch schon so.)

Montag, 2. Januar 2012

Rajans Kriesengründe

R. Rajan schreibt über zwei Gründe, die in der Diskussion als Ursache der Krise der Industrieländer herhalten. Zum ersten schreibt er:
"The first, better-known diagnosis is that demand has collapsed because of high debt accumulated prior to the crisis. Households (and countries) that were most prone to spend cannot borrow any more. [...] This narrative – the standard Keynesian line, modified for a debt crisis – is the one to which most government officials, central bankers, and Wall Street economists subscribed, and needs little elaboration."
... und dabei belasse ich es hier auch. Also weiter zum zweiten möglichen Grund, den Rajan identifizert und über den vielleicht mehr diskutiert werden müsste:
"[...] [T]he advanced economies’ fundamental capacity to grow by making useful things has been declining for decades, a trend that was masked by debt-fueled spending. More such spending will not return them to a sustainable growth path. Instead, the advanced countries must improve the environment for growth."
Nun ist erstmal festzuhalten, dass es generell gut ist, wenn das Umfeld, in dem gewirtschaftet wird, möglichst wachstums- bzw. innovationsfreundlich gestaltet wird (d. h. weniger Regulierung, dort wo es nicht nötig ist, aber mehr Regulierung, dort wo Marktmechanismen versagen); keine Einwände also. Aber mir leuchtet nicht ganz ein, wieso er wachsende Schulden der privaten Haushalte mit der Produktivitätsentwicklung zusammenbringt - oder anders: was mit "masked by debt-fueled spending" gemeint ist. Das suggeriert, die Industrieländer hätten eigentlich gar nicht so viel produzieren können, wie sie getan haben. D. h. wenn sich die Haushalte mit niedrigem Einkommen nicht verschuldet hätten, dann wäre das Wachstum noch viel stärker zurück gegangen.

Aber das bedeutet doch einfach nur, dass die Industrieländer mit einem Verteilungsproblem konfrontiert sind - und nicht mit einem Produktivitätsproblem (jedenfalls keinem stärkeren als es die Produktionsentwicklung der vergangenen Dekaden anzeigen). Denn produziert wurde ja - und zwar bei abnehmenden Inflationsraten. Das heißt nichts anderes, als dass es möglich war, mit den zur Verfügung stehenden Angebotsfaktoren die beobachtete Menge an Gütern und Dienstleistungen zu produzieren.

Rajan schließt:
"The advanced countries have a choice. They can act as if all is well, except that their consumers are in a funk, and that “animal spirits” must be revived through stimulus. Or they can treat the crisis as a wake-up call to fix all that has been papered over in the last few decades."
Folgt man der Argumentation oben, dann wäre "all that", was also seiner Meinung nach in den vergangenen Dekaden ignoriert wurde, allerdings die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung - und nicht in erster Linie die Innovationsfähigkeit der Industrieländer.