Mittwoch, 29. Februar 2012

Fehlen Deutschland Querdenker-Ökonomen?

Martin Kaelble bemängelt in der FTD, dass es in der deutschen Ökonomenlandschaft an Querdenkern mangelt, die alte liebgewonnene Theorien und Weltanschauungen ins wanken und mit der realen Welt in Einklang bringen.
"Manch deutscher Wirtschaftsprofessor vertritt in Talkshows eine nationale Gartenzwergökonomie aus D-Mark-Zeiten, die die Realität der Krise zu ignorieren scheint. Bei einigen Ökonomen regiert offenbar eine Art Fundamentalismus - man klammert sich fest an dogmatischen Grundprinzipien, die eine komplexe Welt vereinfachen, und wehrt sich vehement gegen Aufklärung. Das Streben nach einer reinen Lehre, nach theorielastigen Positionen, erdacht in einem wissenschaftlichen Elfenbeinturm - all das ist verbreitet unter deutschen Volkswirtschaftlern.

Die Weiterentwicklung der Ökonomie ist dabei irgendwo zwischen Preisstabilität, Ordnungspolitik und Privatisierungsplädoyers stehen geblieben. Für Pragmatismus und Pluralismus ist wenig Platz. Das führt zunehmend in die Isolation. Ist es doch die Meinungsvielfalt, die für Bewegung und Weiterentwicklung sorgt."
Ganz so pessimistisch sehe ich das nicht ... es gibt schon einzelne Querdenker (wobei man zugeben muss, dass wahrscheinlich die am quersten denkenden deutschen Ökonomen im Ausland zu finden sind).

Was allerdings 100-prozentig stimmt, ist, dass die deutsche Ökonomenlandschaft zu wenig Vertreter produziert, die sich darauf einlassen, pragmatisch mit politischen Zwängen und der unvollkommenen Welt da draußen umzugehen:
"Deutsche Ökonomen, die bereit sind, den auf internationaler Bühne notwendigen Pragmatismus an den Tag zu legen, sind rar. Das zeigte sich 2011 deutlich: Wo waren die deutschen Kandidaten, als es um die Nachfolge auf dem IWF-Chefposten ging? Der aussichtsreichste deutsche Kandidat auf den EZB-Chefposten warf darüber hinaus kurz vorm Ziel freiwillig das Handtuch. Und auch der deutsche EZB-Chefökonom räumte 2011 seinen Stuhl. In beiden Fällen lässt sich mutmaßen, dass die unperfekte Welt da draußen nicht so recht mit den hehren Prinzipien der reinen Lehre vereinbar war."
Aber was noch nicht ist, kann sich ja langsam ändern ...

Schön, dass es doch noch Optimisten gibt ...

Mein Koautor Prakash Loungani hat mit Fred Bergsten, Gründer des Peterson Instituts, ein Interview geführt, in dem sie u. a. über den Euro und die derzeitige Krise sprechen. (Kurzfassung auf Prakashs Blog.)

Bergsten argumentiert, dass die derzeitige Eurokrise nur eine einer Reihe von Krisen ist, aus denen die Europäische Union jeweils gestärkt und stärker integriert hervorgegangen ist. Seine Kernaussage dazu, warum der Euro überleben wird:
"[...] but again, based on this political kind of motive, I say very strongly Germany will pay whatever it has to pay, both because of that continuing geo-strategic imperative, but also now because the euro is so hugely important to Germany’s economy. The ECB will discount to whatever extent it has to to avoid a collapse even though they can’t say that they’ll do it and, therefore, can’t give the markets the assurance they want.

So I’m actually quite confident still, despite all the rumor mills, that the euro will survive. There will be no widespread defaults. The Greeks might have to, but you might say they’ve already defaulted a lot."
Und das wäre auch mein Basisszenario. Auf den ersten Blick wird das vielleicht nicht billig für die "Nordeuropäer" (inkl. Deutschland) ... aber geopolitisch ist der Erhalt des Euro mehr oder weniger unbezahlbar.

Arbeitsmarkt im internationalen Vergleich

Die BA hat heute gemeldet, dass die Arbeitslosigkeit (saisonbereinigt) weiter zurückgeht. Sie ist in Deutschland auf ein 21-Jahres-Tief gefallen. Nach BA-Definition liegt sie derzeit bei 7,4 %.

Um diese Entwicklung in den internationalen Kontext zu setzen und zu zeigen, von welcher "Sonderarbeitsmarktkonjunktur" Deutschland momentan profitiert, habe ich mal die deutsche (harmonisierte) Arbeitslosenquote denen für alle OECD-Staaten und für die europäischen OECD-Staaten gegenübergestellt (Angaben in %).


Während also in Deutschland die Quote (nach dieser Definition) seit 2005 von über 11 % auf 5,5 % gefallen ist (ohne in der jüngsten Rezession nennenswert nach oben zu gehen), liegt sie im übrigen OECD-Gebiet nach dem rasanten Anstieg während der Rezession nun deutlich höher.

Und bei dem derzeit sehr niedrigen Zinsniveau in Deutschland werden auch in Zukunft die Investitionen angeregt werden und dadurch auch die Nachfrage nach weiterer Arbeitskraft steigen. Das Ende der Fahnenstange dürfte also noch nicht erreicht sein ...

Zweiter Dreijahrestender

Die EZB hat heute zum zweiten Mal für 3 Jahre Geld an Banken verliehen. Im Vorfeld war darüber spekuliert worden, wie hoch wohl die Nachfrage seitens der Banken sein würde.

Eben hat die EZB bekannt gegeben, dass an 800 Banken insgesamt 529,5 Mrd. Euro verliehen wurden. Das war etwas mehr als die 450 Mrd. Euro, die vorher als Konsensschätzung erwartet worden waren.

... und für alle, die jetzt in den Zeitungen wieder lesen, dass dieses Geld für 3 Jahre für 1 % verliehen wurde: Ich verstehe die Bedingungen immer noch so, dass sich der am Ende der Laufzeit zu bezahlende Zins aus dem durchschnittlichen Hauptrefinanzierungssatz über die gesamte Laufzeit ableitet, d. h. wenn die Zinsen in den 3 Jahren steigen sollten, dann werden auch diese heute vergebenen Kredite teurer.

Update: FAZ und FTD haben das mit der Zinsberechnung jetzt gecheckt. Handelsblatt und Spiegel Online immer noch nicht - die sprechen immer noch von einem (fixen) Zinssatz von 1 %.

Buiter: EZB-Pleite unwahrscheinlich

W. Buiter und Kollege E. Rahbari von der Citibank erläutern in einem aktuellen Aufsatz noch mal, warum eine Zentralbank, die den Großteil ihrer Assets in der eigenen Währung hält, so schnell nicht pleite gehen kann. (ht: FT Alphaville)

Die wichtigste Einsicht dabei ist, dass die Zentralbank enorme Profite aus zukünftiger Geldschaffung (sogenannte Seignorage) erwarten kann ... und das selbst bei Einhaltung des Inflationsziels. Buiter beziffert das Verlustabsorptionsvermögen der EZB auf insgesamt 3,4 Billionen Euro - das ist weit mehr als ihre derzeitige Bilanzsumme.

Seine Schlussfolgerungen:
"We do not consider ECB default and hyperinflation in the euro area to be material risks. ‘Roublezonefication’, balkanization of the EA monetary and financial system, and banking systems with too many insolvent but liquid zombie banks are material risks, in our view."
Das heißt natürlich nicht, dass man aus verteilungspolitischen Gründen den (auf Vermögenswerte weniger Mitgliedsstaaten fokussierten) Erwerb von risikoreichen Vermögenswerten durch die EZB kritisieren kann (im Verlustfall würde der Zentralbankgewinn, den alle Mitgliedsländer unter sich aufteilen könnten, über Jahre geschmählert). Inflationsängste können durch das Zentralbankbilanzargument aber nicht argumentativ untermauert werden.

Dienstag, 28. Februar 2012

Bofingers Replik auf Sinn

P. Bofinger antwortet heute auf Spiegel Online auf die Ausführungen von H.-W. Sinn zu den Target-2-Salden im Euroraum. Auszüge:
"Aber mal abgesehen von Sinns [...] allenfalls den Stammtisch stimulierenden Metaphern: Die Diskussion leidet vor allem darunter, dass es sich bei den Target-Salden nicht um ein eigenständiges Problem, sondern vielmehr um ein Symptom einer tieferliegenden Krise handelt. Sie besteht darin, dass das Vertrauen in die Banken der Problemländer massiv gelitten hat und dass zudem immer mehr Investoren einen Austritt einzelner Länder aus der Währungsunion befürchten."

"Wenn man ohnehin an der Sinnhaftigkeit der Währungsunion zweifelt, mag man durchaus bereit sein, solche Konsequenzen [das Ende des Euro] in Kauf zu nehmen. Aber man sollte sie dann auch entsprechend deutlich zum Ausdruck bringen.

Wenn man hingegen Deutschlands Zukunft in der Währungsunion sieht, sollte man das funktionslose Klagen über die Target-Salden einstellen und sich stattdessen fragen, wie man das tieferliegende Problem umfassend therapieren kann. Zu einer solchen Lösung gehört zum einen eine grundlegende Sanierung der Banken in den Problemländern des Euro-Raums. Hierfür könnten die Mittel des EFSF eingesetzt werden. Zugleich müsste so schnell wie möglich eine einheitliche Bankenaufsicht für den Euro-Raum geschaffen werden, die verhindert, dass weiterhin von unsoliden Banken schlechte Kredite vergeben werden."

"Die Jammer-Diskussion über die Target-Salden verdeutlicht somit nicht zuletzt, dass es der Politik nach wie vor an einem umfassenden Lösungskonzept für die Euro-Krise fehlt. Der Versuch, die Situation mit strengen Sparmaßnahmen, immer komplexeren Vertragswerken zur Fiskaldisziplin und Rettungsschirmen zu stabilisieren ist gescheitert. Er hat nur dazu geführt, dass die gesamte Anpassung über die Notenbankkreisläufe geleistet werden muss. Hans-Werner Sinn hat völlig recht, wenn er darauf hinweist, dass das keine Dauer-Lösung werden darf. Aber es gibt darauf nur zwei Antworten: Entweder man gibt die Währungsunion auf, und dann besser heute als morgen, oder man macht sich mit aller Energie daran, die Fiskalintegration in Europa deutlich voranzubringen."

Das alles trifft eigentlich ziemlich viel genau auf den Punkt.

EZB akzeptiert keine Griechen-Bonds mehr

Die EZB hat nach der erneuten Herabstufung der Bonität griechischer Staatsanleihen durch Standard & Poor's beschlossen bis auf weiteres keine griechischen Staatsanleihen mehr als Sicherheiten für Refinanzierungsgeschäfte zu akzeptieren (Wichtig: Bisher wurden diese Anleihen nur zu ihrem aktuellen Marktwert akzeptiert ... und dann auch noch mit einem saftigen Haircut versehen. D. h. viel Geld (in Relation zum Nennwert) bekam man schon lange nicht mehr für diese Papiere.):
"The Governing Council of the European Central Bank (ECB) has decided to temporarily suspend the eligibility of marketable debt instruments issued or fully guaranteed by the Hellenic Republic for use as collateral in Eurosystem monetary policy operations. This decision takes into account the rating of the Hellenic Republic as a result of the launch of the private sector involvement offer."
Allerdings hat die EZB schon angekündigt, diesen Schritt rückgängig zu machen, wenn das zweite Rettungspaket für Griechenland endgültig verabschiedet ist:
"Marketable debt instruments issued or fully guaranteed by the Hellenic Republic will become in principle eligible upon activation of the collateral enhancement scheme agreed by the Heads of State or Government of the euro area on 21 July 2011, and confirmed on 26 October 2011, together with a number of other measures aimed at assisting Greece in its adjustment programme. This is expected to take place by mid-March 2012."
Vielleicht kann man den heutigen Schritt als einen ersten Versuch der EZB ansehen, sich aus den Zwängen von "quasi-fiskalischen" Aufgaben zu befreien, bzw. die Regierungen des Euroraums daraufhinzuweisen, dass es eigentlich ihre Aufgabe ist, die Funktionstüchtigkeit/Solvenz des griechischen (und zypriotischen) Bankensystems wiederherzustellen.

Montag, 27. Februar 2012

Target2 im Spiegel

So, jetzt ist die Target-2-Debatte auch im Spiegel angekommen.

Update: ... und H.-W. Sinn beschreibt in der FAZ Modifikationen der Euroraum-Institutionen, die seiner Meinung nach das Problem dämpfen würden. (Über Nebenwirkungen davon schreibt er nichts.)

Freitag, 24. Februar 2012

Return of Schools of Thought

Auf Voxeu findet sich heute ein Beitrag über die Wiederkehr verschiedener Denkrichtungen in der Makroökonomie, nachdem sich in den 1990er Jahren der Mainstream auf eine Konsensblickrichtung auf die Ökonomie "geeinigt" hatte. Ein paar Zitate:
"But then [in den 1990ern] things began to change. The discipline appeared to become much more unified. It would be going much too far to suggest that there was a general consensus, but to use a tired cliché, most macroeconomists started talking the same language, even if they were not saying the same thing."

"There were two main factors behind this synthesis. The first was microfoundations, ie deriving the components of macro models from standard optimisation applied to representative agents. This gave macroeconomics the potential to achieve the same degree of unity as microeconomics. The second was the development of New Keynesian theory, which allowed an analysis of aggregate demand within a microfounded framework, and which integrated ideas like rational expectations and consumption-smoothing into Keynesian analysis. All models were now ‘dynamic stochastic general equilibrium’ models.
Following the Great Recession, things seem rather different. In popular discussion of macroeconomics, schools of thought in macro are definitely back."

"So why have schools of thought within mainstream macroeconomics returned? One simple story is that schools of thought are associated with macroeconomic crises, and macro synthesis follows periods of calm."

"So, perhaps unlike the first (postwar) neoclassical synthesis, the New Neoclassical Synthesis was partial in terms of its coverage among academics. This incompleteness was not apparent during the Great Moderation, because in central banks the synthesis was uncontested. The fault lines only became evident when monetary policy became relatively impotent at the zero bound after the Great Recession, and fiscal stimulus was used both in the US and UK. Once that happened, what might be called the Anti-Keynesian school re-emerged."
Wir werden sehen, wie sich das in den nächsten Jahren (Dekaden) entwickelt. Ich denke, dass die Modelle der New Neoclassical Synthesis die makroökonomische Dynamik in ruhigen, "normalen" Zeiten ganz gut abbildet, d. h. wenn die Produktion in der Nähe des Potentials ist, die Geldpolitik die Möglichkeit hat, das Zinsniveau in beide Richtungen zu verändern, und die Finanzmärkte ohne Probleme funktionieren. Ganz klar ist aber auch: Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, dann wirken ganz andere Mechanismen ... und über die Theorien dazu herrscht eben noch alles andere als Konsens.

Mittwoch, 22. Februar 2012

Replik auf Sinns Target2-Argumente in der FAZ

U. Bindseil von der EZB reagiert in der FAZ auf die jüngsten prominent platzierten Ausführungen von H.-W. Sinn zu den Target-2-Salden im Euroraum. Auch wenn Bindseil natürlich aufgrund seines Arbeitgebers nicht als neutraler Kommentator angesehen werden kann, scheint mir doch ein Punkt zentral für die ganze Diskussion zu sein:
"Sinns Vorschlag, die Target-Salden zu beschränken, ist unvereinbar mit der Existenz einer gemeinsamen Währung und eines einheitlichen Währungsgebietes. Notwendige Anpassungen in der Fiskalpolitik und den Wettbewerbspositionen müssen von nationalen Handlungsträgern in die Wege geleitet werden. Eine Beschränkung der Salden ist hierfür ungeeignet, würde die Märkte nur zusätzlich verunsichern und weitere Kapitalbewegungen auslösen."
Beim Lesen dieses Beitrages wurde mir klar, das dies glaube ich der Hauptpunkt ist, der mich an den Rufen nach einem "Verbot" von nennenswerten Target-2-Salden stört: Ohne die bedingungslose Unterstützung von grenzüberschreitenden Transaktionen in Euro im Euroraum durch die EZB, würde die Währungsunion auf einen Verbund von Staaten mit festen Wechselkursen reduziert. Für die derzeit mit Kapitalausflüssen zu kämpfenden Staaten bedeutete dies, dass sie sich in einer Situation wie z. B. Argentinien zu Anfang des Jahrtausends befinden würden, in der die Verhinderung einer Zahlungsbilanzkrise nur von den nationalen Zentralbankdevisen abhängt.

Sonntag, 19. Februar 2012

Sinn im Politikermodus

H.-W. Sinn hat der FAZ ein Interview gegeben, in dem er seine Positionen zur Krise im Euroraum darlegt. Auch wenn Sinn sicherlich ein Top-Ökonom ist und sicher auch weiß, an welchen Stellen er verkürzt, Erkenntnisse selektiv wiedergibt, sich (vermutlich mit Hintergedanken) undeutlich ausdrückt, so sollte jeder Leser wissen, dass das Interview ein krasses Beispiel dafür ist, dass eben auch Wissenschaftler in politischer Mission unterwegs sein können und dafür ... verkürzen, Erkenntnisse selektiv wiedergeben, sich (vermutlich mit Hintergedanken) undeutlich ausdrücken. Was ja auch kein Problem ist! Man sollte nur darauf hinweisen.

Mark Schieritz hat auf Herdentrieb auf einige Einzelpunkte hingewiesen. Hinzufügen könnte man noch, dass Herr Sinn durch sehr deutliche Aussagen, die in keinster Weise die Unsicherheit des ökonomischen Wissensstandes reflektieren, einen Wahrheitsgehalt seiner Aussagen suggeriert, der schlicht übertrieben ist. Wenn er z. B. sagt:
"Deutschland müsste mit einem Zinsaufschlag von 2,3 Prozentpunkten rechnen, wenn die Schulden in der Währungsunion vergemeinschaftet würden. Tauscht man die gesamte Staatsschuld in Eurobonds, würde uns das 50 Milliarden Euro jährlich kosten."
... dann ist das eine Berechnung, die wahrscheinlich Mitarbeiter des ifo Instituts angestellt haben, die auf einer Reihe von Annahmen beruhen. Mit anderen - genauso plausiblen ... oder plausibleren Annahmen - kann man auf andere Ergebnisse kommen. So wie das ifo Institut im Juli 2011 - da war noch von 25 Mrd. Euro die Rede (seither hat sich, wenn man den Euroraum als Ganzes betrachtet, die Situation der Haushalte wohl zumindest nicht nennenswert verschlechtert, der Zinssatz, mit dem man rechnen sollte, kann sich also nicht großartig verändert haben; und der deutsche Schuldenstand ist auch nicht viel gestiegen).

An anderer Stelle behauptet er:
"Die Target-Forderungen haben Deutschland erpressbar gemacht, denn jeder weiß, dass wir 500 Milliarden Euro [die Forderung, die derzeit bei der Bundesbank gegenüber dem ESZB verbucht sind] verlieren, wenn der Euro zerbricht."
Das stimmt wohl so, WENN das Europrojekt aufgegeben würde, es keine Verhandlungen über eine Abwicklung gäbe, sondern einfach alle Mitgliedsstaaten wieder unkoordiniert eigene Währungen einführen würden, sich um europäische Verträge auf einmal nicht mehr kümmer würden und europäische Verträge auch nicht mehr vor Gerichten durchsetzbar wären, d. h. jeder auf dem Mist sitzen bleiben würde, der gerade bei ihm verbucht ist. In anderen Worten: Herr Sinn spricht hier über Kosten, die wahrscheinlich fällig würden, wenn es keinerlei politische Kooperation zwischen den derzeitigen Mitgliedsländern des Euroraums mehr gäbe, d. h. auch keine EU mehr.

Das Problem dabei: Um dieses Szenario geht es doch gar nicht. Und in allen anderen Szenarien, trägt die Bundesbank zum einen nur die Verluste nach dem Anteil ihrer Kapitalbeteiligung an der EZB (knapp 30 %, das sind dann schon mal nur 150 Mrd. Euro) und zum anderen müssten ja, wenn überhaupt, nur die Target-Forderungen gegen ein Land abgeschrieben werden, das aus dem Euro austritt. Das steht derzeit allenfalls für Griechenland und vielleicht noch Portugal im Raum. Deren Verbindlichkeiten im Target-System beliefen sich Mitte 2011 (jetzt gerade keine Zeit neuere Daten zu suchen) auf zusammen rund 140 Mrd. Euro. Und 30 % davon sind 42 Mrd. Euro.

Das ist alles immer noch nicht schön. Aber eben nicht so - und vor allem nicht in der Klarheit - wie Herr Sinn es darstellt. Die ganzen länglichen Ausführungen hier sollen einzig und allein verdeutlichen, dass man bei allen Zahlen, die der eine oder andere in dieser Sache - aus welchen Gründen auch immer - herausposaunt, immer genau zu betrachten sind.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Neue Wirtschaftsweise

Nach dem angekündigten Abgang von Beatrice Weder die Mauro aus dem Sachverständigenrat scheint nun mit Claudia Buch eine Nachfolgerin gefunden worden zu sein. Jedenfalls berichtet das die SZ.

Claudia hat in Kiel promoviert und arbeitete dort von 1992 bis 2003 am IfW. Derzeit hat sie einen Lehrstuhl an der Universität Tübingen und leitet dort auch das IAW. Außerdem war sie zuletzt Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium.

Deutsche Konjunktur in Q4

Das Statistische Bundesamt hat neue Daten zur Wirtschaftsleistung in Deutschland veröffentlicht. Die Konjunktur in Deutschland war in der zweiten Jahreshälfte demnach etwas stärker als zuvor geschätzt. Damit erhöht sich der Überhang für das Jahr 2012 auf 0,2 %.

Dienstag, 14. Februar 2012

Griechischer Absturz

Die griechische Wirtschaft ist 2011 regelrecht eingebrochen ... und so wird es wohl auch muter weitergehen.

Wundert das irgendjemanden bei der Medizin, die das Land durch die Troika vorgegeben bekommt (öffentliche Sparprogramme) bzw. sich selber verabreicht (private Kapitalflucht in unvorstellbarem Ausmaß)?

Sonntag, 12. Februar 2012

Supply and Demand

Paul Krugman greift auf seinem Blog einen Aspekt des "Nach-Krisen-Diskurses" auf, über den ich auch schon öfters gestolpert bin (z. B. hier). Und zwar die Vermischung/Verwechslung von gesamtwirtschaftlicher Nachfrage und gesamtwirtschaftlichem Angebot.
"Wow. I often encounter the fallacy of confusing supply with demand, where people say, “spending was boosted by the bubble, so the GDP you see then was greater than potential”; this is a misunderstanding because potential GDP is a measure of how much the economy can produce, not of how much people want to spend. But Bullard goes even further, seeming to say that a drop in asset prices is itself a destruction of output capacity. What?"
Zur Definition des Produktionspotentials würde ich anmerken, dass ich darunter das Produktionsniveau verstehe, das ohne Inflationsbeschleunigung unterhalten werden kann. Da die Inflation aber in den Industriestaaten in den Jahren vor der Krise mehr oder weniger auf niedrigem Niveau "unter Kontrolle" war, deckt sich das in diesem Fall mit Krugmans Definition.

Festzuhalten ist aber, dass die Volkswirtschaften vor der Krise in der Lage waren deutlich mehr zu produzieren als momentan (in vielen Fällen absolut, in fast allen Fällen dann, wenn man zwischenzeitliche Veränderungen in den Produktionsfaktoren (z.B. Bevölkerung oder technischen Fortschritt) berücksichtigt).

Vier Argumente finden sich nun in der Debatte, die "erklären", warum das Potential heute niedriger ist als damals. Das erste wird in Krugmans Post besprochen ... und erklärt in Wirklichkeit, warum die Nachfrage jetzt niedriger ist (nicht das Angebot/Potential).

Das zweite Argument besagt, dass ein Teil des Kapitalstocks obsolet geworden ist, weil vor der Krise Produkte nachgefragt wurden, die jetzt nicht mehr nachgefragt werden (bzw. jetzt viel weniger). Dazu ist aber anzumerken, dass das kurzfristig in einigen wenigen Bereichen so sein mag (z. B. bei einem Überangebot von Baukränen in den USA). Generell sollten sich aber die Relativpreise so anpassen, dass die Kapazitäten wieder ausgelastet sind. Dass ein gesamtwirtschaftlich nennenswerter Teil des Kapitalstocks komplett abgeschrieben werden musste, weil es wirklich überhaupt keine Verwendung mehr dafür gibt, erscheint mir nicht plausibel.

Das dritte Argument besagt, dass es einen negativen Produktivitätsschock gegeben hat, so dass mit den vorhandenen Kapitalstöcken und dem Erwerbspersonenpotential weniger produziert werden kann als vor der Krise. Dazu ist zu sagen: Warum in aller Welt sollte hier auf einmal Technologie/Wissen/Fähigkeiten verloren gegangen sein?

Das vierte Argument besagt, dass wir derzeit das "normale" Produktionspotential beobachten, während jenes vor der Krise wegen der exzessiven Überschuldung künstlich aufgebläht war. Hierzu ist aber das gleiche anzumerken wie in Krugmans Post: Das ist eigentlich ein Nachfrageargument und erklärt höchstens, warum die Nachfrage vor der Krise höher war als das Produktionspotential (wobei ich sagen würde, dass der Unterschied nicht sooo groß gewesen sein kann, weil die Inflation relativ moderat war). Aus diesem Argument lässt sich also, wenn überhaupt, ableiten, dass sich aus der ungleichen Vermögens-/Einkommensverteilung Probleme für die (schuldenfreie) Aufrechterhaltung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ergeben (hier sind wir wieder bei diesem alten Beitrag von mir). Mit Produktionspotential hat das nichts zu tun.

Mittwoch, 8. Februar 2012

FAZIT zum SVR

Heike Göbel bangt auf dem Fazit-Blog der FAZ um die Reputation des Sachverständigenrats (Anlass ist die Ankündigung von B. Weder di Mauro den Rat nach 2 Amtszeiten zu verlassen).
"In der Öffentlichkeit dringt der Rat mit seinen Vorschlägen kaum noch durch. In der Konkurrenz um die ökonomische Deutungshoheit verlieren die fünf immer noch oft als „Weisen" bezeichneten Wirtschaftswissenschaftler kontinuierlich an Bedeutung. [...]

Derzeit fehlt es aber sowohl an einem aktiven, entschlossenen Vorsitzenden wie an klaren Botschaften. [...] Man wünscht sich eine engagierte Ökonomentruppe, an deren Rat Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit nicht länger einfach vorbeikommen."
Vielleicht ist die wirtschaftspolitische Beratung in Form eines Jahresgutachtens in der schnelllebigen Moderne aber auch einfach überholt. Zu überlegen wäre, ob nicht das US-Modell mit einem ständigen Beraterstab der Regierung (in dem Vertreter der Wissenschaft für einige Zeit ihren Dienst tun) - ergänzt um themenbezogene Diskussionsveranstaltungen mit unabhängigen Gutachtern - nicht das effektivere wäre.

Wieso Anpassung genau so und nicht anders?

DB Research hat eine Studie mit dem Titel "Wirtschaftliche Anpassung im Euroraum: Wo stehen wir?" veröffentlicht. Darin heißt es direkt auf der ersten Seite zu folgender Abbildung:

"Eine einfache illustrierende Berechnung zeigt, dass das BIP in Griechenland, Portugal und Spanien wahrscheinlich noch deutlich stärker schrumpfen muss, damit ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht erreicht wird."
Abgesehen davon, dass aufgrund von (technologischen) Aufholprozessen und unterschiedlicher Demographie ja auch im Gleichgewicht nicht alle Länder des Euroraums mit gleicher Rate wachsen müssen, steht doch die Frage im Raum (wird aber in Deutschland gerne übersehen): Warum nicht dadurch anpassen, dass die Binnennachfrage in Deutschland, Italien und Portugal steigt?

Gros über Sparpolitik

Daniel Gros argumentiert in der FTD, dass "sich die Sparsamkeit der Staaten langfristig auszahlt." Und deswegen die Kritik, dass höhere Steuern und Sparanstrengungen die Krise verschärfen, nicht gerechtfertigt ist. Er schreibt:
"Allerdings fragen sich viele Beobachter, ob eine derartige "Sparpolitik" nicht selbstzerstörerisch sein könnte. Könnte eine Reduzierung der Staatsausgaben (oder eine Erhöhung der Steuern) zu einem derart steilen Rückgang bei Wirtschaftsaktivität führen, dass die Staatseinnahmen fallen und sich die Haushaltslage weiter verschlechtert?

Dies ist angesichts der Funktionsweise unserer Volkswirtschaften höchst unwahrscheinlich. Mehr noch: Wenn es so wäre, würde daraus folgen, dass Steuersenkungen zur Verringerung der Haushaltsdefizite führen, weil das größere Wirtschaftswachstum selbst angesichts niedrigerer Steuersätze für höhere Staatseinnahmen sorgt. Diese Annahme wurde in den USA schon mehrmals getestet - immer folgten auf diese Steuersenkungen höhere Defizite."
Mir scheinen in seinem Beitrag zum einen langfristige und kurzfristige Auswirkungen vermengt zu werden und zum anderen die derzeitige Sondersituation verkennt, in der die Geldpolitik die Wirtschaft bei einer drastischen Sparpolitik seitens der Finanzpolitik nicht (bzw. nur wenig oder über andere Maßnahmen (QE, NGDP-Targeting), deren Auswirkungen in der Praxis aber aufgrund mangelnder Erfahrung sehr unsicher sind) zusätzlich stimulieren kann, weil die Zinsen bereits fast bei 0 % sind.

Darüber, dass langfristig (ceteris paribus) eine niedrige Schuldenquote des Staats gut für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes ist, besteht glaube ich kein Dissenz. Aber ob es eine optimale Entscheidung ist, den Pfad hin zu den dafür notwendigen niedrigen strukturellen Defiziten zu einem Zeitpunkt zu starten, an dem sich die Wirtschaft zumindest am Rande einer Schulden-Deflations-Spirale befindet und die Instrumente der Notenbank, von denen wir einigermaßen sicher wissen, wie sie wirken, ausgereizt sind, (und dann auch noch in allen Staaten gleichzeitig) ist nicht so klar.

EZB-Beteiligung, II

Anscheinend ist so manch anderer auch auf meine Argumentation gekommen. Wie das Handelblatt berichtet, wird über eine Beteiligung der EZB an der griechischen Umschuldung in Höhe des sonst zu erwartenden Gewinns aus ihren Käufen griechischer Staatsanleihen nachgedacht.
"Laut Schätzungen bezahlte die Notenbank für Anleihen mit einem Nominalwert von rund 50 Milliarden Euro nur etwa 38 Milliarden.

Würde die EZB diese Anleihen bis zur Endfälligkeit halten, könnte sie mit ihrer Rettungsaktion sogar einen Gewinn verbuchen. Auf dieses Geld wolle die EZB jetzt verzichten, schreibt das Wall Street Journal und beruft sich auf Personen, die über die laufenden Umstrukturierungsverhandlungen unterrichtet seien. Im Raum steht eine Summe von elf Milliarden Euro."

Freitag, 3. Februar 2012

Finanzstressindikator, Ergebnisse für Januar

So, diesmal relativ zügig die Ergebnisse für den Finanzstressindikator für letzten Monat.


Der Indexwert ist annähernd unverändert bei 2,0 Punkten. Also immer noch hohes Niveau aber ein leichter Rückgang gegenüber den Werten von September und Oktober.

EZB-Beteiligung

Bislang schließen die EU-Regierungen eine Beteiligung der EZB am freiwilligen Gläubigerverzicht bei griechischen Staatsanleihen noch aus. Was auch - nicht zuletzt aus spieltheoretischen Gründen - derzeit richtig ist.

Zu überlegen wäre aber, ob man die EZB demnächst - als "Gegenleistung" für eine hohe Beteiligung des Privatsektors (vielleicht kann man ja eine Beteiligungsquote festlegen, bei deren Erreichen die EZB ins Spiel eingreift) - nicht so viel beisteuern lässt, dass sie aus dem Geschäft mit griechischen Anleihen mit +/- 0 Euro rausgeht. (Wenn sich die EZB nicht beteiligt, dann macht sie aufgrund der Tatsache, dass sie die Anleihen am Markt deutlich unter Nennwert gekauft hat einen nicht unerheblichen Gewinn.)