Sonntag, 19. Februar 2012

Sinn im Politikermodus

H.-W. Sinn hat der FAZ ein Interview gegeben, in dem er seine Positionen zur Krise im Euroraum darlegt. Auch wenn Sinn sicherlich ein Top-Ökonom ist und sicher auch weiß, an welchen Stellen er verkürzt, Erkenntnisse selektiv wiedergibt, sich (vermutlich mit Hintergedanken) undeutlich ausdrückt, so sollte jeder Leser wissen, dass das Interview ein krasses Beispiel dafür ist, dass eben auch Wissenschaftler in politischer Mission unterwegs sein können und dafür ... verkürzen, Erkenntnisse selektiv wiedergeben, sich (vermutlich mit Hintergedanken) undeutlich ausdrücken. Was ja auch kein Problem ist! Man sollte nur darauf hinweisen.

Mark Schieritz hat auf Herdentrieb auf einige Einzelpunkte hingewiesen. Hinzufügen könnte man noch, dass Herr Sinn durch sehr deutliche Aussagen, die in keinster Weise die Unsicherheit des ökonomischen Wissensstandes reflektieren, einen Wahrheitsgehalt seiner Aussagen suggeriert, der schlicht übertrieben ist. Wenn er z. B. sagt:
"Deutschland müsste mit einem Zinsaufschlag von 2,3 Prozentpunkten rechnen, wenn die Schulden in der Währungsunion vergemeinschaftet würden. Tauscht man die gesamte Staatsschuld in Eurobonds, würde uns das 50 Milliarden Euro jährlich kosten."
... dann ist das eine Berechnung, die wahrscheinlich Mitarbeiter des ifo Instituts angestellt haben, die auf einer Reihe von Annahmen beruhen. Mit anderen - genauso plausiblen ... oder plausibleren Annahmen - kann man auf andere Ergebnisse kommen. So wie das ifo Institut im Juli 2011 - da war noch von 25 Mrd. Euro die Rede (seither hat sich, wenn man den Euroraum als Ganzes betrachtet, die Situation der Haushalte wohl zumindest nicht nennenswert verschlechtert, der Zinssatz, mit dem man rechnen sollte, kann sich also nicht großartig verändert haben; und der deutsche Schuldenstand ist auch nicht viel gestiegen).

An anderer Stelle behauptet er:
"Die Target-Forderungen haben Deutschland erpressbar gemacht, denn jeder weiß, dass wir 500 Milliarden Euro [die Forderung, die derzeit bei der Bundesbank gegenüber dem ESZB verbucht sind] verlieren, wenn der Euro zerbricht."
Das stimmt wohl so, WENN das Europrojekt aufgegeben würde, es keine Verhandlungen über eine Abwicklung gäbe, sondern einfach alle Mitgliedsstaaten wieder unkoordiniert eigene Währungen einführen würden, sich um europäische Verträge auf einmal nicht mehr kümmer würden und europäische Verträge auch nicht mehr vor Gerichten durchsetzbar wären, d. h. jeder auf dem Mist sitzen bleiben würde, der gerade bei ihm verbucht ist. In anderen Worten: Herr Sinn spricht hier über Kosten, die wahrscheinlich fällig würden, wenn es keinerlei politische Kooperation zwischen den derzeitigen Mitgliedsländern des Euroraums mehr gäbe, d. h. auch keine EU mehr.

Das Problem dabei: Um dieses Szenario geht es doch gar nicht. Und in allen anderen Szenarien, trägt die Bundesbank zum einen nur die Verluste nach dem Anteil ihrer Kapitalbeteiligung an der EZB (knapp 30 %, das sind dann schon mal nur 150 Mrd. Euro) und zum anderen müssten ja, wenn überhaupt, nur die Target-Forderungen gegen ein Land abgeschrieben werden, das aus dem Euro austritt. Das steht derzeit allenfalls für Griechenland und vielleicht noch Portugal im Raum. Deren Verbindlichkeiten im Target-System beliefen sich Mitte 2011 (jetzt gerade keine Zeit neuere Daten zu suchen) auf zusammen rund 140 Mrd. Euro. Und 30 % davon sind 42 Mrd. Euro.

Das ist alles immer noch nicht schön. Aber eben nicht so - und vor allem nicht in der Klarheit - wie Herr Sinn es darstellt. Die ganzen länglichen Ausführungen hier sollen einzig und allein verdeutlichen, dass man bei allen Zahlen, die der eine oder andere in dieser Sache - aus welchen Gründen auch immer - herausposaunt, immer genau zu betrachten sind.

Kommentare:

Jonas Dovern hat gesagt…

Update: Die portugiesischen Target-Verbindlichkeiten liegen immer noch bei rund 60 Mrd. Euro (http://www.bportugal.pt/en-US/Estatisticas/PublicacoesEstatisticas/BolEstatistico/Publications/B2.pdf). Jene Griechenlands sind auf knapp 110 Mrd. Euro gestiegen (http://www.bankofgreece.gr/BogEkdoseis/financialstat201111_en.pdf). Insgesamt sind es bei dem obigen Rechenbeispiel also nun 170 anstatt 140 Mrd. Euro.

AC hat gesagt…

Danke für diesen Artikel! Wie stehen Sie zu Sinns Aussagen über Irland? Krugman sieht die allgemeine Irland-Euphorie ja kritischer.

Jonas Dovern hat gesagt…

Ohne mit den aktuellen irischen Daten bis ins letzte Detail vertraut zu sein scheint es mir doch so zu sein, dass dort was die Preise angeht, die notwendigen Anpassungen zügig vorangehen (auch wenn es natürlich länger dauert, als wenn man (wie z. B. Island) einfach abwerten kann). Das hat auch dazu geführt, dass das Leistungsbilanzdefizit schnell abgebaut wurde. Allerdings scheint mir auch hier - und da liege ich mit Krugman mehr oder weniger auf einer Linie - die strenge Sparpolitik in einer Situation, wo die Geldpolitik nicht mehr viel machen kann und die Kapazitäten schwach ausgelastet sind, dazu zu führen, dass ein wirklicher Aufschwung nicht in Gang kommen kann. Rosig - wie in der Debatte oft als Vergleich zu Griechenland argumentiert wird - sieht es dort also nicht aus.

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