Freitag, 16. März 2012

Bedrohung der Freiheit durch Verhaltensökonomie?

Philip Plickert befürchtet auf dem Fazit-Blog, dass die Ergebnisse der Verhaltensökonomik in Unfreiheit und Paternalismus münden.
"Die Verhaltensökonomik, die seit einigen Jahren schwer in Mode gekommen ist, kehrt dieses Paradigma um. Sie hält den Menschen ihre Unmündigkeit vor. Mit Experimenten weist sie nach, wie irrational und widersprüchlich wir handeln.

Daraus folgt eine paternalistische Agenda: Vater Staat solle die unmündigen Menschen - wie Kinder - vor den Folgen ihrer eigenen Unvernunft beschützen. Er soll sie sanft lenken, (be-)steuern und ihr Glück mehren."
Sein Fazit:
"Sobald die Annahme der "offenbarten Präferenzen" wegbricht, ist die Türe offen für weitreichende Interventionen, mehr Steuern und sanften bis harten Paternalismus. Die Verhaltensökonomik ist für Politiker attraktiv, denn sie legt nahe, dass der Mensch nicht weiß, was er wirklich will. Er braucht einen Sozialvormund. Der Staat, beraten von Experten, schiebt die Menschen in die Richtung, in die sie gingen, wenn sie bei klarem Verstand wären. Schon die frühen Wohlfahrtsstaaten hatten paternalistische Züge. Die Armen sollten nicht nur durchgefüttert, sondern auch moralisch gebessert und erzogen werden. Das deklarierte Ziel war aber immer noch die Mündigkeit. Die Verhaltensökonomik kann nun vermeintlich zeigen, dass dieses Ziel unerreichbar ist. Ein toller Fortschritt."
Bei aller Zuspitzung; ich denke, dass Philip Plickert hier etwas über das Ziel hinausschießt. In erster Linie geht es doch darum aufzuzeigen, in welchen Situationen Menschen sich nicht-rational verhalten und dann das institutionelle Design so zu gestalten, dass die Menschen bei - Beibehaltung ihrer prinzipielle Wahlfreiheit - so wählen, dass von den möglichen Resultaten, jenes herauskommt, das für die Gesellschaft besser ist.

Das schöne Beispiel ist immer jenes der Organspende, das auch im Blog-Beitrag erwähnt wird:
"Auch die Quote der Organspender kann drastisch erhöht werden, wenn die Frage nach der Teilnahme umgedreht wird: Man muss explizit seine Verweigerung kundtun, nicht die Bereitschaft zur Organspende."
Denn: Viele Menschen scheinen so indifferent zwischen den beiden Optionen zu sein, dass ihnen die Kosten eines Widerspruchs gegen welche Standardoption auch immer zu hoch sind. Sie füllen kein Kärtchen aus, um Organe zu spenden, wenn der Standard das Nicht-spenden ist; sie füllen aber auch keins aus, um keine Organe zu spenden, wenn der Standard das Spenden ist.

Wo liegt nun der Zwang, die Freiheitsberaubung und der Paternalismus, wenn man auf diese Erkenntnis aufbaut und das Spenden zum Standard macht?

(Die im Beitrag erwähnten "Sündensteuern" (z. B. auf Zucker oder Tabak) fallen mMn in eine vollkommen andere Diskussion, nämlich derjenigen über die Internalisierung von Externalitäten. Das hat nichts mit Verhaltensökonomik zu tun ... bis auf die Tatsache, dass man normalerweise von einem Gut weniger konsumiert je höher es besteuert ist. Meiner Meinung nach spricht - nicht einmal die liberalste Ökonomik - dagegen beim Nachweis externer Effekte, die Kosten dieser Effekte über Steuern den Verursachern aufzuhalsen.)

Kommentare:

chrislen hat gesagt…

Zwei Anmerkungen:
Wie du schon hervorhebst, verwechselt Plickert das Ziel der Verhaltensökonomik mit einer möglichen politischen Anwendung ihrer Erkenntnisse. Selbst wenn man annimmt, dass der Forschungsstrang Verhaltensökonomik zu einem paternalistischeren Staat führt, dann spricht noch immer nichts dagegen zu versuchen in diesem Bereich neue Erkenntnisse zu gewinnen. Sein Argument entspricht in etwa der Aussage, dass Historiker nicht mehr im Bereich der Faschismustheorie forschen sollten, weil es zu einem faschistischeren Staat führen kann.

Zudem kennt sich Plickert nicht wirklich mit den Anfängen des Wohlfahrtsstaat aus. Ich nehme mal an er bezieht sich auf die Sozialpolitik unter Bismarck als Anfangsstadium des Wohlfahrtsstaat in Deutschland. Dieser zielte mit Sicherheit nicht auf die Mündigkeit der Armen und Arbeiter ab. Ganz im Gegenteil, das Ziel war die Abschwächung der politischen Mündigkeit der Arbeiterschaft, im Sinne der eigen politischen Organisation, und bedingungslose Gefolgschaft der Ziele des Kaiserreichs.

Mal davon abgesehen, finde ich es nicht unbedingt schlecht wenn der Staat in bestimmten Bereichen als Sozialvormund wirkt. Es gibt nun mal genug Menschen deren Verhalten sich negativ auf die Gesellschaft als ganzes auswirkt. Wenn die Alternative ein komplettes Raushalten des Staates ist, dann nehme ich einen gewissen Paternalismus gerne in Kauf. Aber das ist wohl eher eine persönliche Meinung :)

frxxl hat gesagt…

Was meiner persönlichen Meinung auch aus den Augen verloren wird, ist, was bzw. wer "Vater Staat" eigentlich ist und was, zumindest in einer halbwegs funktionierenden Demokratie, die Aufgabe dieser übergeordneten "Vernunftinstanz" ist.

Ich weiß nicht, ob es inzwischen in Deutschland zu weit geht, von einer halbwegs funktionierenden Demokratie zu reden, wenn selbst bei Bundestagswahlen nur noch 2/3 der Wahlberechtigten bereit sind, eine halbe Stunde für den Weg in das nächste Wahllokal zu "opfern"...allein dieser Ausdruck sollte zu denken geben.

Aber jeder, der seine persönliche Freiheit eingeschränkt sieht, wenn er (angemessene?) Steuern und Sozialabgaben zahlen soll oder (Vorsicht, plakatives Ami-Beispiel) sich nicht sein persönliches Waffenlager anlegen darf, soll seine Freiheit doch in den weniger regulierten Gebieten ausleben, diverse nahöstliche oder afrikanische Staaten haben dort sicher etwas im Angebot. Dort kann man sogar töten, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden...leider gilt das auch wieder für jeden, aktiv und passiv.

Und auch wenn das natürlich nur bedingt vergleichbar ist, soll es zeigen, dass "Freiheit" für jeden etwas ganz anderes bedeutet und dass wir uns in unserer Wertegemeinschaft doch eigentlich in vielen Bereichen auf einen gemeinsamen Nenner geeinigt haben, der so klein gar nicht ist. Rechte und Pflichten gehen einfach miteinander Hand in Hand und die Einschränkung der Freiheit, sich z.B. an einen geschlossenen Vertrag dann leider auch halten zu müssen, ist doch eine Grundlage für den Wohlstand, den wir genießen.

Die Verhaltensökonomie sagt nichts anderes als was jeder für sich von der Börse bis zur Fussgängerzone beobachten kann, nämlich das Menschen nur sehr bedingt rational handeln. Wie mein Vorschreiber schon sagte, sind daraus abgeleitete Tendenzen (sofern überhaupt vorhanden), die persönliche Freiheit des Einzelnen einzuschränken (und wie gesagt, manche "Freiheiten" sind es ja durchaus wert, eingeschränkt zu werden), nicht die "Schuld" dieser Erkenntnis, sondern ein Fehler im Staatsapparat. Aber mal ganz grundsätzlich: Es ist genug Freiheit, genug Vernunft und genug Geld für alle da. Wir leben in vielerlei Hinsicht im Überfluss und das Wertesystem der meisten ist noch nicht so kaputt, als dass man nicht mit ein wenig gutem Willen diese Güter halbwegs sinnvoll verteilen und erhalten könnte. Wenn nicht jeder nur egoistisch an seine kurzfristige Freiheit, sondern an ein langfristiges Gemeinwohl denkt, kommt auch er persönlich damit am Ende besser weg...das ist historisch belegbar.

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