Mittwoch, 21. März 2012

Debatte über Produktionspotential und -lücke

Im angelsächsischen Raum tobt - vor dem Hintergrund der expanisven wirtschaftspolitischen Reaktion auf die heftige Rezession in den Industriestaaten - eine Debatte über die Schätzung von Produktionspotential (üblicherweise verstanden als das Produktionsniveau, das ohne Preisdruck (nach oben und unten) langfristig aufrechterhalten werden kann) und Produktionslücke (die Differenz zwischen der tatsächlichen Produktion und diesem Potential).

Dieser Beitrag von Tim Duy fasst die Anfänge der Debatte, die durch Äußerungen des Präsidenten einer regionalen Fed ausgelöst wurde, gut zusammen.

Die alles entscheidende Frage, weil man das Potential natürlich nicht direkt beobachten kann, ist, wie sich das Potential während und nach der Großen Rezession entwickelt hat, d. h. welcher Teil des Produktionsverlusts temporär, rein zyklisch bedingt ist und welcher Teil permanent ist. Mark Thoma drückt es prägnant so aus:
"One of the big questions for policymakers is how much of the current downturn represents of temporary cyclical fluctuation and how much of it is a permanent reduction in out productive capacity."
Auf dem Blog des Economist zieht ein Beitrag Paralellen zu den beiden Fällen im 20. Jahrhundert, wo die Politik das Potential der Wirtschaft krass falsch eingeschätzt hat: Die Große Depression, wo das Potential dramatisch unterschätzt wurde, und die Inflation der 1970er, wo das Potential dramatisch überschätzt wurde, wodurch es zu kontinuierlich zu expansiver Politik und hoher und persistenter Inflation kam.
"TWO spectacular failures stain 20th century macroeconomic policy in America: the Great Depression and the Great Inflation. They share an important ingredient: in both, policy makers could not properly gauge the economy’s potential output, i.e. its productive capacity."
Der Beitrag nennt einen weiteren Grund, warum es so schwierig ist, in Echtzeit das Potential einzuschätzen, nämlich, dass das Potential selbst auf die Konjunktur reagiert - mitnichten als exogen ist:
"Potential has long been known to have a strong cyclical component: a recession will normally discourage businesses and workers from investing in physical and human capital. [...] Where the supply and demand side explanations for the economy’s depressed state converge is when demand remains deficient for so long that its cyclical impact on potential becomes structural."
Mir scheint der Knackpunkt bei der Beurteilung des Auslastungsgrad der Wirtschaft in Echtzeit die Beobachtung der Preisentwicklung zu sein. Und damit meine ich nicht das - in Deutschland weit verbreitete - angstvolle Starren auf jeden Monatswert des Verbraucherpreisindex, sondern eine breite Beurteilung der Lohnentwicklung, der Entwicklung der Kernrate der Inflation (also ohne Energie und variable Lebensmittelpreise) oder der Entwicklung des Deflators des Bruttoinlandprodukts. Zeigt sich keine Inflationsbeschleunigung, kann es mit der Überhitzung nicht weit her sein. In die andere Richtung verkomplizieren Preis- und vor allem Lohnrigiditäten, die Einschätzung der Lage allerdings, wie ein anderer Beitrag auf dem Economist-Blog argumentiert:
"[T]he literature suggests that we should not expect accelerating disinflation in the presence of large output gaps. This is not based on an ex-post assessment that expectations are well anchored but on the ex-ante observation that wages and prices display substantial downward nominal rigidity."
Bezogen auf Deutschland bin ich persönlich der Meinung, dass das Potential wahrscheinlich höher ist, als es die gängigen Methoden derzeit ausweisen. Vor allem perspektivisch, weil die expansive Geldpolitik zu einem stärkeren Aufbau des Kapitalstocks führen wird und zu einer guten Arbeitsmarktentwicklung, die mittelfristig positiv auf das vorhandene Humankapital wirken dürfte.

(D. Wermuth schreibt auf Herdentrieb auch, dass das potential unterschätzt wird. Allerdings schätzt er mit einer nicht praxistauglichen, unplausiblen Methode ein viel, viel höheres Potential ("Outputlücke von [minus; aber in seinem Konzept gibt es sowieso keine positiven Produktionslücken] 4,81 Prozent"), was ich wiederum als vollkommen überzogen einschätze.)

Mehr zu dem Thema für den deutschen Kontext und zur Revisionsanfälligkeit der angewandten Potentialschätzungsmethoden vielleicht demnächst mal hier ... bei Ihrem Ökonomiebeobachter.

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