Freitag, 20. April 2012

Fiskalmultiplikatoren


Der IWF hat untersucht (im Fiscal Monitor), wie sich die Fiskalmultiplikatoren (d. h. um wie viele Prozentpunkte das BIP sich verändert, wenn man das öffentliche Budget um 1 Prozentpunkt des BIP verändert) unterscheiden, jenachdem in welchem Zustand die Auslastung der Produktionskapazitäten in der Wirtschaft sind.

Und - nicht überraschend - zeigt sich, dass die Effekte deutlich größer sind, wenn sich die Wirtschaft in einer Rezession befindet.
"There is an extensive and—since the economic crisis— rapidly expanding empirical literature that tries to estimate fiscal multipliers. However, only a few empirical studies have so far analyzed the links between fiscal multipliers and the underlying state of the economy. New research (Baum, Poplawski-Ribeiro, and Weber, 2012) finds that the position in the business cycle affects the impact of fiscal policy in G-7 economies: on average, government spending and revenue multipliers tend to be larger in downturns than in expansions. This asymmetry has implications for the desirability of upfront fiscal adjustment versus a more gradual approach."

Das bedeutet natürlich nicht, dass z. B. in Griechenland nichts passieren musste, denn die Situation der öffentlichen Budgets und Verwaltungen war unter aller Kanone. Bei der Empfehlung von Politikmaßnahmen muss man aber berücksichtigen, dass für jeden Euro, um den das öffentliche Budget saniert wird, die Schuldenquote (in Relation zum BIP) steigt, weil in einer solch depressiven Wirtschaft der Multiplikator wahrscheinlich noch größer ist, als gelben Balken oben angeben.

Man kann dann ja trotzdem zum Schluss kommen, dass das alles notwendig ist (z. B. um über eine heftige Rezession die Anpassung der Lohnkosten zu ermöglichen) ... aber akzeptieren, dass es diese negativen Effekte gibt, sollten die Advokaten der heftigsten Austeritätspolitiken seit langem dann schon.


Und das gleiche gilt selbstverständlich auch für die weitere Entwicklung in Spanien. "Beweise" in Echtzeit sind in der Makroökonomie natürlich immer schwierig bis unmöglich ... ich habe aber das Gefühl, dass die Rückkehr der Bedenken über die Zahlungsfähigkeit Spaniens nicht zuletzt etwas damit zu tun hat, dass die Investoren befürchten, dass die harten Sparprogramme, die Situation nur noch verschlechtern. (Zur Erinnerung: Spanien hat keine laxe Finanzpolitik betrieben ... wird aber jetzt trotzdem in die pro-zyklischste aller Budgetentwicklungen getrieben.)

Update: Heute sind zu dem Thema (mit Fokus auf den Euroraum) auch zwei Beiträge auf Voxeu erschienen.
  1. Cottarelli (auch vom IWF):
    "As with austerity itself, the austerity debate shows no sign of disappearing any time soon. This column argues that the last thing that the world economy needs at this uncertain moment is a knee-jerk reaction from fiscal policy. While the column agrees that governments need to make cuts, it stresses they should not lose sight of the bigger picture."

  2. Buti und Pench:
    "Most economists agree that European economies share the need to reduce public deficits and debts. This column stresses that while gradual consolidations are in general more likely to succeed than cold-shower ones, the superiority of a gradual strategy tends to evaporate for high levels of debt and is also less pronounced for consolidation episodes following a financial crisis."

Kommentare:

Erich hat gesagt…

Das Problem ist doch, dass das Geld von irgendwo herkommen muss. Es mag ja gesamtwirtschaftlich für die Eurozone von Vorteil sein, etwa bei uns die MWSt. um 10% zu erhöhen, und die eingenommenen Gelder (60-70 Mrd Euro) nach Griechenland zu schicken, nur bekommen Sie das bei unseren Wählern auch tatsächlich durch?

Jonas Dovern hat gesagt…

Es geht hier gar nicht um ein Transferargument sondern um die optimale finanzpolitische Reaktion in den Ländern selber.

Erich hat gesagt…

Für die Länder in der Depression gilt natürlich, dass für sie die optimale Politik in einer Ausweitung der Staatshaushalte liegt. Das geht ohne Transfer von aussen aber nur mit einer eigenen Währung. Der Euro ist für sie so etwas wie ein Goldstandard. Das Gold muss dann von irgendwo herkommen.

In der Euro Gemeinschaft wären das entweder höhere Steuern in den Überschussländern, oder aber Gelddrucken. Das ist aber im Prinzip nicht viel anders als neue Steuern für uns, denn das Geld könnte ja auch anteilig für uns und für Projekte bei uns gedruckt werden.

Solange wie das Gelddrucken nur die Deflationstendenzen aufhebt, macht sich das nicht so direkt bemerkbar. Auf Dauer bekommt man so aber Inflation, die natürlich die Reichen mit ihren realen Assets weniger betrifft. Dafür umso mehr die Armen und den Mittelstand mit deren Lebensversicherungen, Riester etc.

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