Donnerstag, 5. Juli 2012

So unterschiedlich ...

... können Reaktionen auf politische Entscheidungen sein. Derzeit wird viel über die ungleichmäßige Geldschöpfung im Euroraum, die zu den Target-2-Salden führt, und über die beschlüsse des jüngsten EU-Gipfels diskutiert.

Wer dazu einen fundierten, sachlich geschriebenen Beitrag ohne Polemik lesen möchte, der sollte sich unbedingt den neuen Beitrag von zwei Kollegen am IfW durchlesen. Björn und Stefan beschreiben dort sehr, sehr gut was derzeit im Euroraum passiert, was die Ursachen dafür sind, welche Symptome auftreten und in welchen Bereichen der Kern für eine Lösung der Probleme liegt. Im Abstract zum Beitrag heißt es:
"Die Geldpolitik des Eurosystems operiert seit über vier Jahren im Krisenmodus. Kennzeichnend hierfür  sind  eine  massive  quantitative  und  qualitative  Lockerung  beim  geldpolitischen  Instrumenteneinsatz. Dieser Kurs zielt vor allem auf eine Stabilisierung einzelner nationaler Bankensysteme ab. Als gravierendste Nebenwirkung kommt es zu einer erheblichen und bislang nicht gestoppten Zahlungsbilanzfinanzierung durch das Eurosystem, die sich symptomatisch und zu großen Teilen an der Entwicklung der Target2-Salden ablesen lässt. Ursächlich hierfür ist eine asymmetrische Bereitstellung von Zentralbankgeld in einem national segmentierten Geschäftsbankenmarkt. Der Beitrag erklärt die zugrunde  liegenden  Finanzierungsmechanismen,  diagnostiziert  die  sich  daraus  ergebenden  Fehlentwicklungen  und  zeigt  Therapiemöglichkeiten  auf.  Hierzu  zählen  eine  vertiefte  monetäre  Integration zur  Umsetzung  einer  einheitlichen  Geldpolitik  sowie  eine  Finanzmarktordnung  für  den  Euro-Währungsraum, die es den Zentralbanken erlaubt, insolventen Marktteilnehmern nicht beistehen zu müssen."
Kernaussage ist, dass sich die Probleme aus der Zersplitterung des Bankensystems im Euroraum - entlang der Grenzen der Nationalstaaten - und der Ungleichbehandlung durch die Geldpolitik und Regulierung ergeben, weswegen die Schaffung eines wirklich integrierten Bankensektors - sprich: eine Bankenunion - unabdingbar ist, um die Probleme bei Beibehaltung einer gemeinsamen Währung zu lösen.

Auch wenn ich an ein paar Stellen andere Formulierungen wählen würde und den einen oder anderen Aspekt anders gewichten würde, kann man den gesamten Aufsatz (als Wissenschaftler und überhaupt) mehr oder weniger unterschreiben.

Was man als Wissenschaftler eigentlich nicht unterschreiben sollte, sind dagegen Aufrufe, wie der jüngste von Herrn Sinn initierte, der morgen wohl in der FAZ erscheinen soll. Darin wenden sich die anscheinend 150 Unterzeichner polemisch und ungenau - aber mit explizitem Hinweis auf ihre Professorentitel als Qualitätsnachweis - gegen die Beschlüsse des jüngsten EU-Gipfels. Laut Spiegel haben u. a. Bernd Raffelhüschen, Klaus Zimmermann und Walter Krämer unterschrieben. Auf die anderen 146 bin ich gespannt ...

Olaf Storbeck vom Handelsblatt kennt anscheinend schon den genauen Wortlaut des Aufrufs und kommentiert ihn auf dem Handelsblog. Im Wortlaut:
"Liebe Mitbürger,

die Entscheidungen, zu denen die Kanzlerin auf dem Gipfeltreffen der EU-Länder gezwungen wurden, waren falsch.

Wir, Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftlerinnen der deutschsprachigen Länder, sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge.

Die Bankschulden sind fast dreimal so groß wie die Staatsschulden und liegen bei den fünf Krisenländern im Bereich von 9 Billionen Euro. Es ist schlechterdings unmöglich, die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas für die Absicherung dieser Schulden in die Haftung zu nehmen, zumal riesige Verluste aus der Finanzierung der inflationären Wirtschaftsblasen der südlichen Länder absehbar sind.

Wenn die Schuldner nicht zurück zahlen können, gibt es nur eine Gruppe, die die Lasten tragen kann: die Gläubiger selber, denn nur sie verfügen über das notwendige Vermögen und sind das Investitionsrisiko bewusst eingegangen.

Die Politiker mögen hoffen, die Haftungssummen begrenzen und den Missbrauch durch eine gemeinsame Bankenaufsicht verhindern zu können.

Das wir Ihnen aber nicht gelingen, da die Schuldnerländer über die strukturelle Mehrheit im Euroraum verfügen. Wenn die soliden Länder der Vergemeinschaftung der Haftung für die Bankschulden grundsätzlich zustimmen, werden sie immer wieder von neuem Pressionen ausgesetzt sein, diese Summen zu vergrößern. Streit und Zwietracht mit den Nachbarn sind vorprogrammiert. Noch unsere Kinder und Enkel werden darunter leiden.

Weder der Euro noch der europäische Gedanke als solcher werden durch die Erweiterung der Haftung auf die Banken gerettet; geholfen wird vor allem der Wall Street, der City of London und einer Reihe maroder ausländischer Banken, die nun weiter zu Lasten der hart arbeitenden Bürger anderer Länder, die mit all dem wenig zu tun haben, ihre Geschäfte machen dürfen.

Wir bitten Sie, dieses Thema sehr ernst zu nehmen und es mit den Abgeordneten Ihres Wahlkreises zu diskutieren.”
Sollte man so als Wissenschaftler schreiben? (Explizit: Als Privatperson kann ja jeder (fast) alles schreiben - und auch so schreiben - wie er es möchte.) Davon abgesehen kann man auch einiges an den Aussagen kritisieren. Inhaltlich schreibe ich demnächst mal was dazu.

Kommentare:

Alex Hummel hat gesagt…

Hallo Herr Dovern!

Ich habe das von Ihnen empfohlene Papier tatsächlich durchgelesen und stimme Ihnen völlig zu, dass es sich um ein exzellentes handelt.
Als Laie würde ich jedoch von Ihnen als professionellen Volkswirt gerne Ihre Meinung zur folgender Frage hören:

Die Authoren des Papiers sagen völlig zurecht, das das Anwachsen der T2-Salden auf die sich immer weiter lockernde Standards bei der Zentralbankkreditvergabe an die Geschäftsbanken in den südlichen Ländern zurückzuführen ist. In diese Richtung geht ja z.B. auch die jüngste Entscheidung der EZB spanische Immobilienpapiere als Sicherheiten zuzulassen. Würde man die Standards wiederherstellen, wie sie vor der Krise gültig waren, würden auch T2-Salden nicht mehr wachsen, wie die Authoren sehr schön sagen: "ein Euro, das nicht geschöpft wurde, kann auch nicht abfließen".
Meine Frage ist, ist diese Möglichkeit denn überhaupt offen. Mal angenommen, Herr Weidman hat sich im EZB-Rat durchgesetzt und die EZB verweigert ab sofort Kredite an spanische Banken, die keine gute Sicherheiten haben, und vermutlich haben die meisten dieser Banken keine mehr. Würde es nicht einen kompletten Zusammenbruch des spanischen Bankensystems und als Konsequenz auch der spanischen Realwirtschaft bedeuten - denn ohne Bankensystem kann eine moderne Marktwirtschaft nicht funktionieren ?
Mit anderen Worten - verfolgt die EZB ihre aktuelle Politik, weil sie fehlgeleitet ist, oder aus bitterer Notwendigkeit, weil Alternativen viel schlimmer sind?
Oder meinen Sie, das das Anziehen der EZB-Zügel in südlichen Ländern doch keine schlimme Konsequenzen haben würde ?

Jonas Dovern hat gesagt…

Der angesprochene Punkt ist der zentrale Punkt!

In der Tat kann man die Anforderungen an Sicherheiten erst dann wieder hoch setzen ohne die Depression in den Problemländern noch deutlich zu verstärken und einen Zusammenbruch der dortigen BAnkensysteme herbeizuführen, wenn die Bankensysteme dort von der Finanzpolitik saniert wurden.

Was die letzten Jahre gespielt wurde war ein wenig ein Chicken-Game zwischen der EZB und den nationalen Regierungen ... wobei ich denke, dass die EZB im Zweifelsfall mit der Verhinderung des Zusammenbruchs der dortigen Bankensysteme das richtige getan hat. Aber ganz klar: Langsam wird es Zeit, dass die Regierungen das Bankenproblem als Hauptursache der Krise erkennen ... und mit den EFSF/ESM-Hilfen für Spaniens Bankensektor scheint es ja auch langsam in die richtige Richtung zu gehen.

Der Endpunkt muss dann eine Bankenunion sein, in der optimalerweise nicht nur die großen Banken zentral reguliert werden (die nationalen Behörden können ja ausführende Organe der europäischen Bankenaufsicht werden), ggf. auch zentral rekapitalisiert/saniert werden und wo es eine zentrale Einlagensicherung gibt. Denn sonst ist die Währungsunion einfach nicht komplett und würde auf dauer anfällig für Krisen bleiben.

Alex Hummel hat gesagt…

Hallo Herr Dovern!

Danke für Ihre Antwort.
Schon nachdem ich meinen letzten Kommentar abgeschickt habe, bin in dem Papier ihrer Kollegen auf einen Punkt gestoßen, das mir sehr interessiert, weil ich das schon in anderen Blogs (mit)diskutiert habe, ohne allerdings zum abschließenden Urteil zu gelangen.
Es geht darum, ob der Staat bzw. der Steuerzahler die etwaigen Verluste einer Zentralbank ausgleichen muß. Diese Frage kann ja dann relevant werden, wenn es tatsächlich zu einem Eurozusammenbruch kommt und die Target2-Salden ganz oder teilweise von der Bundesbank abgeschrieben werden müssen. Ihre Kollegen schreiben dazu:

"Realisieren sich diese Verluste, so ist eine Rekapitalisierung
der betroffenen Zentralbanken zwingend erforderlich, um die Eigentumsbesicherung
der Währung zu gewährleisten"

Und dann weiter:

"Für den Wert des Geldes ist nicht die Gütermenge entscheidend, die ihr gegenüber steht, sondern
der Wert der Aktiva, die hinter ihr stehen. Es wäre fahrlässig zu glauben, der gesetzliche Annahmezwang
sei für die Akzeptanz einer Währung ausreichend. Die Geldgeschichte zeigt das Gegenteil. Die
Eigentumsbesicherung der Währung ist kein Luxus, sondern die Voraussetzung für die Geldfunktion"

Sehen Sie das auch so ? Ist es ein Konsensus zwischen den Ökonomen oder eine Einzelmeinung ? Ich habe bis jetzt eigentlich immer gedacht, dass für die Stabilität einer Währung ausschließlich ihre Menge ausschlaggebend ist.

Jonas Dovern hat gesagt…

Das stimmt schon so. Die Zentralbank kann ja langfristig nur Vertrauen in "ihr Geld" erhalten, wenn klar ist, dass sie das Zentralbankgeld jederzeit durch die Ausgabe von werthaltigen Forderungstiteln wieder "einsammeln" kann.

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