Samstag, 9. November 2013

Deutsche Exportüberschüsse

Die Diskussion über den übergroßen deutschen Exportüberschuss geht weiter.

Patrick Welter kann in der F.A.Z. die Kritik daran nicht ansatzweise verstehen. Und Recht muss ich ihm dabei geben, dass es nicht ganz einfach ist, wirtschaftspolitisch etwas dagegen zu unternehmen.
"Soll die Bundeskanzlerin künftig am Zollhaus stehen und die Ausfuhr stoppen? Soll die Regierung die Deutschen verpflichten, mehr ausländische Produkte zu kaufen? Dass sie weniger Kapital ins Ausland tragen und mehr für den Konsum ausgeben? Man muss sich die Konsequenzen der Forderung bis ins Extrem bildhaft vorstellen, um zu erkennen, wie bizarr das alles ist. Dabei geht es nicht nur darum, ob die Regierung einen geringeren Leistungsbilanzüberschuss herbeiführen kann, ohne planwirtschaftlich lenkend in den Markt einzugreifen. Es geht mehr noch darum, ob sie es überhaupt tun sollte. Warum sollte in einer Marktwirtschaft die Politik den Menschen verbieten, im Ausland Waren zu verkaufen oder Kapital im Ausland zu investieren?"
Das alles kann und sollte der Staat natürlich nicht machen. Aber er kann und sollte dafür sorgen, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland so gestaltet sind, dass sich Investitionsnachfrage und Ersparniss in etwa die Waage halten.

... aber anscheinend ist es für Welter ja auch überhaupt kein Problem, wenn die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt so enorme Handelsbilanzüberschüsse über mehrere Jahre aufweist:
"Die Ritter des Gleichgewichts leitet die fixe Idee, dass eine Wirtschaft sich nur dann solide entwickle, wenn die Entwicklung ausgewogen vonstatten gehe. Es gelte das Prinzip Maß und Mitte, ein gesunder Export neben einer gesunden Binnennachfrage. So aber funktioniert die Marktwirtschaft nicht. Eine dynamische Wirtschaft im Wettbewerb ist ständig, wenn man es so nennen will, voller Ungleichgewichte, die sich vergrößern, verkleinern, verändern und verschieben - und manchmal auch über Jahrzehnte Bestand haben. [...] Das gilt für die Binnenwirtschaft ebenso wie für den internationalen Handel."
Andererseits: Gehört nicht Welter auch zu der Fraktion, die in Bezug auf die Krise des südlichen Euroraums argumentiert, dass es nicht zuletzt staatliche Verfehlungen waren, die die persistenten Leistungsbilanzdefizite ermöglicht haben und dass man nun sieht, wie sich solche nicht-nachhaltigen Ungleichgewichte krisenhaft korrigieren müssen?

Tja, man kann das eine nicht ohne das andere haben: Für jede 40 Mrd. Euro, die Deutschland jeden Monat mehr exportiert als es importiert, macht irgendwo auf der Welt jemand 40 Mrd. Euro neue Schulden bei Deutschland, weil er mehr importiert als exportiert. Und wenn es für den deutschen Staat unmöglich/unangebracht ist, auf die Handelsbilanz einzuwirken, dann muss das gleiche wohl auch für (ehemalige und heutige) Defizitländer gelten. Same thing! Can't avoid the one while having the other!

Aber dann wiederum braucht man die Position von Welter vielleicht gar nicht ernst zu nehmen, wenn er es schon in Bezug auf die Fakten nicht so genau nimmt bzw. dahingehend Unkenntnis bei ihm herrscht.

Welter:
"Seit Jahrzehnten immer wieder beharren sie [der IWF und die USA] darauf, dass Deutschland den Leistungsbilanzüberschuss, im Kern den Überschuss von Export über Import, verringere." 
Die Fakten (Handelsbilanz Deutschlands):


Die enormen Überschüsse sind ein Phänomen gerade einmal der vergangenen Dekade. Und in den 1980ern und 1990ern gab es "sogar" Handelsbilanzdefizite. Wüsste also nicht, wer da seit Jahrzehnten Exportüberschüsse kritisieren sollte ... und konnte auch keine Quellen finden, die das belegen würden.

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