Samstag, 24. Januar 2015

Institutsmeinungen zur EZB

Wie stehen die großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute eigentlich zur jüngsten EZB-Entscheidung.

Hauptsächlich als Erinnerungshilfe für mich selber, hier einige Stellungnahmen der Wirtschaftsforschungsinstitute (vom RWI habe ich nichts gefunden).

Das ifo Institut bezeichnet die Entscheidung als illegal und unterstellt der EZB nicht aus geldpolitischen Beweggründen gehandelt zu haben sondern die Finanzierung der Mitgliedsstaaten 
"ifo-Präsident Hans-Werner Sinn hat die Beschlüsse der Europäischen Zentralbank (EZB) kritisiert. „Das ist illegale und unsolide Staatsfinanzierung durch die Notenpresse. Wenn die EZB Papiere kauft, werden die Staaten neue Papiere verkaufen und somit von der Druckerpresse finanziert. Das ist nach Artikel 123 des EU-Vertrages eigentlich verboten und bedarf der Klärung durch das deutsche Verfassungsgericht“, sagte er in München.

[...] Der Hauptgrund für die Beschlüsse sei nicht die Bekämpfung der Deflation, sondern die Rettung der Banken und Staaten der Krisenländer."
Nun ja, wenn das wirklich die Sichtweise der Experten für Geldpolitik des ifo sein sollte ...

Das IfW in Kiel [hier und hier] ist im Ton etwas gemäßigter, kritisiert aber das QE-Programm auch aufgrund der Tatsache, dass es Staatsfinanzierung sei und "geldpolitisch nicht geboten".
"Die beschlossenen Staatsanleihekäufe führen im Ergebnis zu einer Vergemeinschaftung der nationalen Staatsschulden. Ob die Käufe am Primärmarkt oder Sekundärmarkt erfolgen, ist dabei ebenso einerlei, wie die Frage, ob die Staatsanleihen von der EZB oder den nationalen Notenbanken des Eurosystems gekauft werden. Hier einen gegenteiligen Eindruck zu erwecken, führt die Öffentlichkeit in die Irre. Wenn Primärmarktkäufer davon ausgehen können, die erworbenen Anleihen schon nach kurzer Zeit wieder an das Eurosystem veräußern zu können, dann werden sich die Interventionen am Sekundärmarkt 1:1 auf den Primärmarkt übertragen. Damit die Kapitalmärkte bei der Staatsfinanzierung ihre Kontrollfunktion wahrnehmen können, müssen Anleger über die gesamte Laufzeit die Solvenz der jeweiligen Staaten einschätzen und das Ausfallrisiko übernehmen. Eine Überbrückung von wenigen Tagen oder Wochen ist volkswirtschaftlich witzlos. 

Noch abenteuerlicher ist der Vorschlag, eine Vergemeinschaftung der Haftung angeblich dadurch auszuschließen, dass nationale Zentralbanken das Ausfallrisiko auf ihre jeweiligen Bilanzen nehmen. Materiell können Zentralbanken überhaupt nicht „haften“ – sie können nur Geld drucken, aber kein Kapital. Muss die Zentralbank eines insolventen Staates im Zuge eines Schuldenschnittes auf Forderungen verzichten, so gehen dabei die zuvor mit ihren nationalen Staatsanleihekäufen in den Umlauf gebrachten Euro nicht ebenfalls unter, sondern sie bestehen fort und bleiben Teil der gemeinschaftlichen Zentralbankgeldmenge. Bei diesem monetären Münchhausen-Trick (die Zentralbank kauft Staatspapiere und verzichtet später auf die Rückzahlung) werden die Verluste in Form einer verschlechterten Qualität der monetären Basis auf alle Geldhalter im Euroraum verteilt."

"Die heute beschlossenen Staatsanleihekäufe führen zu einer Vergemeinschaftung der nationalen Staatsschulden. Bei den aktuellen Rahmenbedingungen – niedrige Zinsen, hohe Liquidität, Impulse durch niedrige Ölpreise – sind sie geldpolitisch nicht geboten. Mit ihrem ultraexpansiven Kurs bewegt sich das Eurosystem immer weiter in ökonomisches Neuland. Das ist ein monetäres Experiment mit ungewissem Ausgang."
Tatenlos dem Niedergang der Kerninflationsrate und der Inflationserwartungen zuzusehen wäre wohl auch nur als "monetäres Experiment mit ungewissem Ausgang" zu bezeichnen ...

Das IWH hält die Entscheidung angesichts der Gefahren für die Preisniveaustabilität, sprich des Risikos das Inflationsziel langfristig zu verfehlen, für vertretbar.
"Die Inflationsrate im Euroraum liegt seit einiger Zeit unter der mittelfristigen Zielinflationsrate der EZB. Kurzfristige Abweichungen von dieser Rate sind geldpolitisch akzeptabel, solange die mittelfristigen Inflationserwartungen fest in Höhe der Zielinflationsrate verankert sind. Dies gilt insbesondere, wenn die Abweichung durch Ölpreisschwankungen mit hervorgerufen wird, wie es im Moment der Fall ist. In den vergangenen Wochen sind jedoch auch die mittelfristigen Inflationserwartungen deutlich gesunken. Für den Fünfjahreshorizont liegen die aus Finanzmarktpreisen abgeleiteten Inflationserwartungen nur noch bei einem halben Prozent. Dass die Geldpolitik auf den Rückgang der Inflationserwartungen mit einer weiteren Lockerung reagiert, um eine mittelfristige Verletzung desPreisstabilitätsziels zu verhindern, ist daher geboten.[...]

Die Geldpolitik sollte somit auf unkonventionelle Weise die Realzinsen für private Haushalte und Unternehmen senken. [...] Allerdings ist die Maßnahme mit signifikanten Risiken behaftet. [...]"
In meinen  Augen eine ausgewogene Beurteilung, und ich habe die Geldexperten am IWH in der Vergangenheit auch immer als sehr informiert und unideologisch wahrgenommen. (Disclaimer: Bei der Gemeinschaftsdiagnose arbeite ich in einem Konsortium mit dem IWH zusammen.)

Am positivsten gegenüber der EZB-Entscheidung ist wohl das DIW mit seinem Präsidenten Marcel Fratzscher eingestellt. (Bezieht sich auf einen Beitrag vom Anfang der Woche; eine aktuelle Pressemitteilung konnte ich nicht finden.)
"Mit einer Inflationsrate von minus 0,2 Prozent verfehlt die EZB ihr Mandat von knapp unter zwei Prozent bei weitem. Auch die Kerninflationsrate – ohne die Preisentwicklung bei Energie und Nahrungsmitteln – bewegt sich unter einem Prozent und weist damit auf strukturelle Veränderungen hin. Deflation ist schon für viele deutsche Unternehmen die Realität, selbst ohne die Energiepreisveränderungen: Knapp ein Drittel der Sektoren erfährt bereits heute Preissenkungen.
Hintergrund dieser Entwicklung ist nicht ein Vorlauf der Angebotsseite durch massive Produktivitätszuwächse, vielmehr ist das Gegenteil zu beobachten: Die Arbeitsproduktivität stagniert seit der Krise 2009, und am aktuellen Rand sinkt der Kapitalkoeffizient. Deshalb kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Disinflation weitergeht und in eine anhaltende Deflation mündet.
Die größte Sorge für die EZB ist die fehlende Verankerung der Inflationserwartungen. Unternehmen und Investoren trauen der EZB nicht mehr zu, ihrem Mandat gerecht zu werden. Das ist ein Problem für die EZB, denn ihre Glaubwürdigkeit ist dadurch in Gefahr und damit ihre Fähigkeit, mit ihrer Geldpolitik erfolgreich zu sein. [...]

Es wäre falsch zu glauben , die EZB alleine könne mit ihren Maßnahmen Europa aus der Krise ziehen und das Risiko einer Deflation beseitigen. Die Politik muss nun endlich ihren Beitrag leisten. [...]

Trotzdem kann die EZB nicht untätig bleiben oder ihre Maßnahmen von dem Voranschreiten von Strukturreformen abhängig machen. Mit einer solchen Konditionierung würde die EZB ihre im vertraglichen Mandat fixierte Handlungsfreiheit selbst gefährden. Sie hat die fallende Inflation in den vergangenen Jahren zu zögerlich bekämpft. Ein weiteres Abwarten, bis die Deflation sich verfestigt, wie von mancher Stimme in Deutschland gefordert, ist die schlechteste Option. Jede Geldpolitik braucht Zeit, um ihre Wirkung zu entfalten. Und je stärker der Deflationsdruck und die fehlende Verankerung der Erwartungen, desto weniger effektiv ist die Geldpolitik. Der Preis eines Abwartens wäre um ein Vielfaches höher, ein Erfolg der Geldpolitik immer unwahrscheinlicher.
Der Ankauf von privaten und öffentlichen Schuldtiteln gehört zum normalen Instrumentenkasten von Zentralbanken. Aber in einer Währungsunion steht die EZB vor besonderen Gestaltungsproblemen. Inflation und Inflationserwartungen sollen durch ein Ankaufprogramm über eine Senkung des langfristigen Zinses, eine Abschwächung des Wechselkurses, eine Veränderung der Portfolio-Struktur von Investoren und insbesondere eine höhere Glaubwürdigkeit der Zentralbank bei der Verfolgung ihres Ziels entsprechend stabilisiert werden."

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