Montag, 19. Januar 2015

Neuinterpretation des Inflationsziels

Mir ist in der Diskussion um mögliche Staatsanleihenkäufe der EZB nun mehrfach aufgefallen, dass Gegner einer expansiveren Geldpolitik versuchen, das (bis vor kurzem eigentlich von allen anerkannte) Inflationsziel von "unter aber nahe 2 %" zu negieren.

Die Argumentationslinie verläuft dabei so: QE mag bei tatsächlicher Deflation angebracht sein, im Euroraum liegt die Kerninflationsrate aber noch bei knapp unter 1 %, so dass alles in Butter sei, weil die EZB ja Preisniveaustabilität sichern solle und eine solch niedrige Inflationsrate mandatsgemäß sei. Das 2 % Ziel sei von der EZB mal selber definiert worden, aber man solle es nicht so eng sehen, weil es die Verträge nicht hergäben.

Jüngestes Beispiel ist H.-W. Sinn im heutigen Interview im Deutschlandfunk:
"Sinn: Ja, das mit der Deflation halte ich für vorgeschoben, weil die Kern-Inflationsrate, wo man rausrechnet, dass die Ölpreise gefallen sind, am aktuellen Rand schon wieder anzieht, liegt bei 0,8. Also ich weiß gar nicht, wo das Problem ist. Wir haben ein bisschen Inflation, Preisstabilität ist vorgeschrieben vom Maastrichter Vertrag, die Inflation kann man tolerieren. Aber dass man sagt, die Inflation ist nicht hoch genug, die wir haben, finde ich schon ein bisschen eigenartig. [...]

Dradio: Dann muss ich aber fragen, Herr Sinn: Was hätte denn EZB-Chef Mario Draghi für eine Alternative? Er muss ja nun mal dafür sorgen, dass die Inflation sich im Euro-Raum, in der Euro-Zone Richtung zwei Prozent bewegt. Davon ist sie derzeit weit entfernt. Sie liegt bei 0,2. Sie haben es selber angesprochen: Wenn man den Ölpreis rausrechnet, bei 0,8 Prozent. Das ist immer noch weit von der Zielvorgabe entfernt. Wenn er die Preise wieder zum Steigen bringen will, bleibt ihm ja derzeit nichts anderes übrig, als Staatsanleihen zu kaufen, oder?

Sinn: Na ja. Muss er gegen zwei Prozent gehen? Das steht ja nirgends geschrieben. Das hat die EZB in eigener Macht mal irgendwann verkündet. Im Staatsvertrag, im Maastrichter Vertrag steht, Preisstabilität muss hergestellt werden, und nicht etwa zwei Prozent Inflation. Da steht null Prozent. Man kann jetzt sagen, man toleriert bis zu zwei Prozent Inflation, weil man die Null ja nie genau erwischen kann. Das ist schon richtig. Aber zwei Prozent jetzt umgekehrt zu einem Ziel zu machen, ist schon eine Dehnung des Mandats der EZB. Das kann man aus ökonomischer Sicht akzeptieren, aber eigentlich nicht so ohne weiteres aus rechtlicher Sicht."
Ich finde das ehrlich gesagt starken Tobak und unverständlich, nachdem im Euroraum über mehr als 10 Jahre alle nominalen Kontrakte auf der Basis von Inflationserwartungen von rund 2 % geschlossen worden sind.

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