Freitag, 23. Januar 2015

Reaktionen auf Euro-QE

Das Hauptthema in den Zeitungskommentaren ist heute natürlich die gestrige Entscheidung der EZB, Anleihen zu kaufen, um die Geldmenge im Euroraum wieder auf einen angebrachten Pfad zu bringen.

In Deutschland kommt das Ganze (fast) durch die Bank eher schlecht an.

Die S.Z. findet die Aktion risikoreich und kommt unter dem Strich zum Schluss, dass die EZB wohl eher hätte Abstand von so einem Programm hätte nehmen sollen.

Die F.A.Z. sieht das Vertrauen in die EZB zerstört und hebt den Aspekt der "monetären Staatsfinanzierung" hervor.

Der Tagesspiegel betont die verteilungspolitischen Folgen des Programms und steht der Sache auch ablehnend gegebnüber, weil es "nur Zeit kauft".

Im Handelsblatt kommt Adam Posen, Experte für Geldpolitik und auch Japan, zu Wort, der mutmaßt, dass das Programm zu klein ist und das vor allem die ex-ante Beschränkungen auf feste Laufzeit und fixes Volumen die Effektivität schmälern. (Einer Meinung, der ich mich, was den letzten Punkt angeht, anschließen kann, weil ich die Literatur derzeit so lese, dass QE-Programme nicht in erster Linie über einen direkten Realzinseffekt wirken sondern über das Signal, mittelfristig expanisv zu bleiben, um das gegebene Inflationsziel nicht aufzugeben.)

Ähnlich klingt P. Krugman, der das Programm natürlich auch für zu klein hält (surprise, surprise!) und schätzt, dass die gestrige Ankündigung (also die Überraschungskomponente der Modalitäten) die Inflationserwartungen für die nächsten 10 Jahre im Euroraum um ca. 0,2 % angehoben haben.

Viel sieht man bei den Inflationserwartungen also nicht. Und ich würde das als einen Minuspunkt zählen, denn es ist ja gerade das Ziel eines solchen Programms den erwarteten Preisauftrieb zu beschleunigen, damit das Inflationsziel wieder erreicht wird.

Insofern, weiß ich nicht recht, wie man H.-W. Sinns Auftritt im ARD-Brennpunkt (ab 3:40 und ab 11:00) bewerten soll. Darin warnt er vor den inflationären Tendenzen, die die Anleihekäufe auslösen werden. Da ist man geneigt zu rufen: That's the point, folks! Und was wäre es schön, wenn man sich da so sicher sein könnte.

Im zweiten Auftritt wird es dann richtig lustig, wenn man die Geschichte der EZB kennt. H.-W. Sinn bemängelt, dass die derzeit so niedrige Inflation nur auf die Ölpreise zurückgeht (und verkennt, dass die Kerninflationsrate nur noch bei 0,8 % liegt) und sich folglich expansive Maßnahmen verbieten. Denn "würde die EZB bei einem Anstieg der Ölpreise etwa bremsen wollen"? Ähhhh ... ja: Das ist genau das, was die EZB mit ihren 2 Zinserhöhungen im Jahr 2011 gemacht hat ... was übrigens damals den Wirtschaftssubjekten klar gemacht hat, dass die EZB die Lage des Euroraums total verkennt und als Beginn der Entankerung der Inflationserwartungen gesehen werden kann.

Im gleichen Brennpunkt kommt zwischendruch auch Marcel Fratzscher, derzeit Präsident des DIWs, zu Wort, der die Risiken des Programms nicht verschweigt, aber es aufgrund der schwachen Preisentwicklung im Euroraum befürwortet.

So, als letztes vielleicht noch ein Punkt, der in Zukunft nicht ganz unwichtig für die Verfahren vor dem BVerfG und EuGH werden könnte: Vor allem in der ausländischen Presse wird registriert, dass die deutschen Vertreter im EZB-Rat (Weidmann und Lautenschläger) gestern in einer ersten Abstimmung der Ansicht waren, dass Staatsanleihenkäufe durch die EZB im Prinzip zum geldpolitischen Instrumentarium der EZB gehören und mit den Verträgen vereinbar sind, auch wenn sie dann wohl später (genaues weiß man nicht, weil nicht bekannt ist, wer wie gestimmt hat, sondern nur, dass es nicht einstimmig war) der Meinung waren, dass die Lage derzeit nicht so verfahren wäre, als dass man das Instrument einsetzen müsste. (Interessant wäre zu erfahren, was die Kriterien der Bundesbank sind, bei deren Eintreten QE angebracht wäre.)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke, ein guter Überblick!

Carsten-Patrick Meier hat gesagt…

Extrem hilfreiche Darstellung!

Zu dem Punkt von Adam Posen und Dir zur Signalwirkung des Programms: Die zeitliche Festlegung ist immerhin klar und deutlich sowie glaubwürdig. Das dürfte die Effektivität erhöhen gegenüber einer allgemeineren Ankündigung vom "what-ever-it-takes..."-Typ.

Kommentar veröffentlichen