Freitag, 27. Februar 2015

Fratzscher über EZB und Deflation

Eine kritische Antwort auf den Ruf nach einem niedrigeren Inflationsziel von Bert Rürup aus der vergangenen Woche.

Marcel Fratzscher legt in seinem Beitrag für das Handelsblatt einige Gründe dafür dar, warum die aktuelle schwache Preisentwicklung im Euroraum nicht als positives Zeichen zu werten ist:
"Vergangene Woche argumentierte Bert Rürup [...] sinkende Inflationsraten seien wirtschaftlich nicht schädlich. Eine solche Deflation könne ein Zeichen der Stärke sein und reflektiere eine hohe Produktivitätssteigerung durch die Digitalisierung unserer Wirtschaft. Diese These ist provokativ und trägt zu einer wichtigen Debatte bei. Aber die These ist falsch - an der gegenwärtigen Deflation in Europa gibt es nichts Gutes. Sie spiegelt vielmehr die tiefe Krise wider, in der Europa sich noch immer befindet. Preisstabilität ist eine ganz wichtige notwendige, wenn auch keine hinreichende Voraussetzung für ein Ende der Krise.
 
Nicht jede Deflation ist schlecht. Die Entwicklung einer neuen Technologie, die einer ganzen Volkswirtschaft einen Produktionsschub gibt, kann zu einer Phase fallender Preise beitragen. Dieser Effekt wird häufig durch eine Aufwertung der Währung unterstützt, die Importe günstiger macht. Während einer solchen Phase geht Deflation mit hoher Produktivität und Wachstum einher. Das Handelsblatt sieht in der Digitalisierung vieler Dienstleistungsbereiche, wie Medien und Telekommunikation, die Erklärung für die heutige Deflation in Europa.

Die Fakten widerlegen jedoch diese These für Europa . Das Produktivitätswachstum ist schwach. Der Euro hat über das letzte Jahr um 20 Prozent gegenüber dem Dollar an Wert verloren. Auch die Preisentwicklung widerspricht dieser These. Denn es sind nicht die Preise für Dienstleistungen, die fallen - im Gegenteil, diese steigen nach wie vor um ein Prozent in der Euro-Zone. Vielmehr fallen die Preise der traditionellen Güter, die kaum von der Digitalisierung und Informations- und Kommunikationstechnologien betroffen sind. [...]

Der Grund für die Deflation in Europa heute ist der Einbruch der Wirtschaftsleistung. [...]

Die zweite Illusion, der viele deutsche Kritiker der Geldpolitik unterliegen, ist, Deflation sei nicht schädlich für eine Volkswirtschaft. Dies ist grundfalsch. Zum einen weil die Erwartung fallender Preise vor allem die Investitionen der Unternehmen reduziert. [...] Zum Zweiten erhöht Deflation die reale Schuldenlast. [...] 

Und zum Dritten reduziert Deflation die Fähigkeit der Geldpolitik die Wirtschaft zu stabilisieren."
Zusammengefasst meint Marcel Fratzscher - und ich glaube hier kann man ihm folgen - dass es nicht plausibel ist, dass der Euroraum derzeit die schwache Preisentwicklung aufgrund einer Reihe von positiven Angebotsschocks erlebt.

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