Dienstag, 28. April 2015

Der Einfluss der Ökonomen

Justus Haucap, Tobias Thomas und Gert Wagner finden, dass er gar nicht so klein ist und noch größer sein könnte, wenn wir Ökonomen zu relevanteren Fragestellungen forschen würden.

"Wie steht es also um den Einfluss von Ökonomen? [...]

Die Ergebnisse keiner anderen wissenschaftlichen Disziplin werden in Deutschland – sieht man vielleicht von der Klima- und Umweltforschung ab – mit Hilfe einer langen Reihe von Institutionen der Politik nahegebracht wie die der Ökonomik: Neben dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung gibt es beim Bundesfinanzministerium sowie beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zwei große wissenschaftliche Beiräte, die nahezu ausschließlich aus Ökonomen bestehen. Zudem werden sechs der wirtschaftspolitischen Beratung verpflichtete große außeruniversitäre Institute vorrangig öffentlich finanziert. Hinzu kommen diverse Gremien wie die Monopolkommission oder die Expertenkommission Forschung und Innovation, in denen Ökonomen eine prominente Rolle spielen. [...]

Man kann also feststellen, dass zu ökonomischen Fragen – wie Ökonomen sich das erhoffen – auch Ökonomen deutlich mehr von Entscheidungsträgern geschätzt werden als Nicht-Ökonomen. Gegenwärtig sind zudem drei akademisch sehr gut ausgewiesene Ökonomen direkt in einflussreichen Positionen für die Bundesregierung tätig (Lars-Hendrik Röller, Ludger Schuknecht und Jeromin Zettelmeyer). Der direkte Einfluss, den diese Ökonomen auf die Politik haben, wird freilich mit einer geringeren öffentlichen Präsenz „erkauft“. Es wäre falsch, ihren Einfluss deswegen zu unterschätzen.
Zudem sollte der Einfluss von forschenden Ökonomen in den Zentralbanken nicht vergessen werden. Auch hier wird der unmittelbare (geld-)politische Einfluss mit Verschwiegenheit „erkauft“. Zudem waren und sind deren Leitungsgremien auch in Deutschland wiederholt mit forschungsstarken Ökonomieprofessoren besetzt worden wie etwa Axel A. Weber oder aktuell Claudia Buch. 

Auch im Hinblick auf die öffentliche Wahrnehmung haben Ökonomen in Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen keineswegs ein Problem. Die Analysen des schweizerischen Medienanalyseinstitut Media Tenor International zeigen, dass sich Ökonomen im Vergleich zu anderen wissenschaftliche Disziplinen in deutschen Meinungsführermedien durchaus Gehör verschaffen. Werden Wissenschaftler in den analysierten Medien genannt, so sind dies in knapp zwei Drittel der Fälle Ökonomen. Lediglich ein gutes Drittel entfällt auf Nicht-Ökonomen – vorrangig auf Politikwissenschaftler und Staatsrechtler. [...]

Es könnte allerdings auch sein, dass die von manchen deutschen Ökonomen als zu gering eingeschätzte Resonanz der Ökonomie in Öffentlichkeit und Politik auch an der Forschung liegt, die eventuell zu wenig hilfreich für die praktische Politik ist, etwa weil sie den institutionellen Kontext Deutschlands und Europas zu sehr ausblendet. In diesem Fall gälte es innerhalb der Scientific Community Anreize zu schaffen, die praktische Relevanz der Forschung wieder stärker als Kriterium für gute Forschung zu etablieren. Es gibt theoretische wie empirische Hinweise, dass in internationalen Fachzeitschriften der Ökonomie technische Exzellenz überbewertet und gesellschaftliche Relevanz unterbewertet wird. Im Spannungsfeld von Rigor versus Relevanz mag die Balance zu sehr in Richtung Rigor gekippt sein. Alles spricht dafür, dass das Gewicht von Rigor nicht verkleinert werden sollte, er tatsächlich belastbare Analysen erst ermöglicht. Allerdings gilt auch, dass das Gewicht der Relevanz volkswirtschaftlicher Forschung wieder erhöht werden muss. Dies beginnt bei der Auswahl der Forschungs-Fragestellungen und endet bei der Diskussion und Anwendung der Forschungsergebnisse in der Öffentlichkeit und der politischen Praxis. "

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