Mittwoch, 19. August 2015

EMU und Bankenunion

Wenn man nur lange genug wartet, wird einem die Arbeit abgenommen ...

Sorry für die lange Pause hier im Blog. Ich war in Urlaub und habe auch sonst im Moment nicht viel Zeit zum Posten.

Eigentlich wollte ich über den Urlaub einen Beitrag über die fälligen institutionellen Änderungen im Euroraum schreiben, weil mir bei der Berichterstattung zum aktuellen Rettungspaket die Frage der Bankensanierung zu kurz kam und mich außerdem aufregt, dass in der Öffentlichkeit als Lösung der institutionellen Probleme des Euroraums nach dem Beinahebankrott von Griechenland nun wieder an erster Stelle die Schaffung einer Fiskalunion mit gemeinsamer Steuerpolitik und Durchgriffsrechten auf die nationalen Budgets diskutiert wird.

Habe ich aber nicht ... und jetzt hat John Cochrane in der SZ einen Gastbeitrag geschrieben, der alles sagt, was dazu geschrieben werden sollte. Job done! Auszüge:
"[...] Unter dem Dach einer gemeinsamen Währung müssen Staaten genauso wie Firmen pleitegehen können. Banken müssen international offen sein, sie dürfen nicht vollgepackt sein mit den Schuldtiteln lokaler Regierungen. So war der Euro ursprünglich konzipiert. Leider haben Europas Politiker die erste Prämisse vergessen und sind zur zweiten gar nicht erst vorgedrungen. Jetzt ist es Zeit, beides in Angriff zu nehmen. [...]

Das Bankwesen in Europa sollte offen sein, und es sollte getrennt werden von Schuldtiteln lokaler Regierungen. Jeder Grieche sollte in der Lage sein, seine Euro in eine paneuropäische Bank zu bringen, deren Vermögenswerte in ganz Europa di-versifiziert sind. Diese sollte noch nicht einmal einen Schluckauf bekommen, wenn Griechenlands Regierung pleitegeht. Ein griechisches Unternehmen sollte ebenso von einer Bank leihen können, deren Einlagen aus ganz Europa stammen. Wenn eine griechische Bank pleitegeht, sollte eine europäische Bank in der Lage sein, einzuspringen und am anderen Morgen ihre Tür für die Kunden zu öffnen. Und die griechische Regierung sollte nicht das Recht haben, Konten zu beschlagnahmen, und sie sollte die Banken nicht zwingen, ihre Schuldtitel zu kaufen oder die Währung zu ändern, auf die die Einlagen der Kunden lauten.

Wenn es in der Wirklichkeit so gewesen wäre, hätte es keinen Run auf die Banken gegeben. Die griechische Wirtschaft wäre nicht kollabiert. [...]"
Und dann das wichtige Fazit:
"Staatspleiten ohne die Folge eines Euro-Austritts und ein offenes Bankwesen sind die zentralen Voraussetzungen für eine funktionierende europäische Währungsunion. Eine Währungsunion muss keine Fiskalunion sein. Die USA haben Detroit oder bankrotte Bundesstaaten nicht gerettet. Eine Währungsunion setzt nicht einmal voraus, dass die beteiligten Volkswirtschaften sich sehr ähnlich sind. Auch in Panama gilt der US-Dollar. Die Mitglieder einer Währungsunion müssen sich weder in ihrer Kultur ähnlich sein noch in ihren Werten, ihrem Entwicklungsstand, ihrer Produktivität. Eine Währungsunion erfordert auch keine politische Union."
Vor allem die Tatsache, dass "Mitglieder einer Währungsunion [...] sich weder in ihrer Kultur ähnlich sein [müssen,] noch in ihren Werten, ihrem Entwicklungsstand, ihrer Produktivität" und dass "[e]ine Währungsunion [...] auch keine politische Union" erfordert, kann man mMn nicht oftgenug betonen.

Aus diesem Grund verstehe ich auch nicht die Parallelen, die oft zwischen der drohenden europäischen "Transferunion" und dem deutschen Länderfinanzausgleich gezogen werden (wie zuletzt wieder mal hier von W. Münchau).

Denn während in Deutschland der Länderfinanzausgleich tatsächlich Geld von den strukturell "reichen" in die strukturell "armen" Bundesländer transferiert, weil die Verfassung die "Angleichung der Lebensverhältnisse im gesamten Bundesgebiet" vorschreibt, ist ein solches System zum Ausgleich struktureller Unterschiede im Euroraum aus ökonomischer Sicht nicht notwendig und auch politisch nicht so stark vorgeschrieben. (Die EU-Strukturfonds übernehmen eine ähnliche Aufgabe, sind aber von der Fragestellung des Euroraums unabhängig.)

Falls man der Meinung sein sollte, dass die automatischen Kanäle zum Ausgleich konjunktureller Unterschiede innerhalb des Euroraums zu schwach sind und sich deswegen verstärkte und längere Konjunkturzyklen ergeben, kann man darüber nachdenken ein Transfersystem als Funktion der länderspezifischen Konjunktur aufzusetzen. (Für das langfristige Gleichgewicht im Euroraum ist das aber nicht zwingend.) In einem solchen Mechanismus würden aber alle Länder entsprechend ihrer Position im Konjunkturzyklus zwischen den Status des Geber- und Nehmerlandes hinundher wechseln. Deutschland wäre dann z.B. zwischen 2001 und 2005 Nehmerland gewesen. 

Politisch wahrscheinlich schwer durchzusetzen - aber aus ökonomischer Sicht das einzige Design eines Transfermechanismuses, das im Hinblick auf die aktuellen Probleme Sinn machen würde.

Cochrane schließt seinem Beitrag mit einer Bewertung der "Austrittsoption":
"Viele Beobachter behaupten, dass kleinere Länder ihre eigene Währung brauchen, damit sie diese geschickt abwerten können. Aber Griechenland hatte Abwertungen und Geldentwertung über hundert Jahre, und das alles hat kein griechisches Wirtschaftswunder erzeugt. Es gibt keinen Wechselkurs, zu dem die griechischen Beamten anfangen werden, Porsches nach Stuttgart zu exportieren. Im Gegenteil hat die Bindung an den Euro einen Konjunkturaufschwung erzeugt - nur leider wurde die Chance nicht genutzt.

Sollte Griechenland den Euro verlassen, wäre das ein Desaster. Die neue Drachme könnte man nicht in andere Währungen umtauschen, sodass Griechenland wie Kuba oder Venezuela enden wird: Beamte und Rentner werden in einer wertlosen lokalen Währung bezahlt, und diejenigen, die in den Besitz von Euro kommen, werden bar zahlen. Kein effizientes Großunternehmen kann in einer solchen Volkswirtschaft operieren. Griechenlands einzige Hoffnung ist es, die Wirtschaft zu liberalisieren, sich Europa zu öffnen, stark zu wachsen und seine Schulden zurückzuzahlen."
Hier glaube ich (weil ich die realen Effekte von Preisrigiditäten wohl deutlich stärker einschätze als man es an der UoC tut) zwar, dass mittelfristig ein Austritt mit der damit verbundenen Abwertungsoption sicherlich zu einer besseren Konjunktur in Griechenland führen könnte. Gleichzeitig stimme ich aber mit John Cochrane darin überein, dass langfristig die Mitgliedschaft in einem Währungsraum mit stabiler Wirtschaftspolitik zu besseren Wachstumsraten führen wird als ein in alte Verhaltensmuster zurückfallendes Griechenland.

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