Mittwoch, 16. Dezember 2015

HWS geht in Rente

... zumindest offiziell (als Professor an der LMU und Präsident des ifo Instituts) ... das eine oder andere Buch wird er wohl sicher noch schreiben.
"Das Schlüsselerlebnis meines Lebens als Volkswirt hatte ich am Samstag, dem 12.August 1961. Ich war 13 Jahre alt. Meine Eltern fuhren mit mir am Morgen in unserem Lloyd Alexander TS, den mein Vater kurz vorher stolz erstanden hatte, durch das Brandenburger Tor, um Tante Lieschen im Osten zu besuchen. Als wir am Nachmittag zurück wollten, war das Tor durch Militär versperrt. Stacheldraht wurde ausgerollt, und alles wirkte bedrohlich. Über eine andere Straße wurden wir zurück in den Westen geleitet. Am nächsten Tag machte ich mich selbständig noch einmal auf den Weg und lauschte den Protestreden westlicher Politiker. Ich ahnte nun, was Kommunismus ist. [...]

Der Unterschied zwischen der Gesinnungsethik und der Verantwortungsethik liegt darin, dass man für Erstere keinen Sachverstand braucht. Da man bereits die Stellschrauben der Wirtschaftsmaschinerie moralisch bewertet, muss man nicht wissen, wie sie funktioniert. Man kann munter drauflos moralisieren und dann zu einer politisch rationalen, wenn auch ökonomisch unvernünftigen und klimapolitisch wirkungslosen Entscheidung gelangen.

Wer indes verantwortungsethisch handeln möchte, muss ökonomischen Sachverstand haben, weil er wissen muss, wie die Maschinerie auf die Bewegung der Stellschrauben reagiert. Weil er Moral und Ethik nur auf das wirtschaftliche Endergebnis anwendet, braucht er Weitsicht und Durchhaltevermögen. Das gilt heute mehr denn je, weil der öffentliche Diskurs in der Zeit der Internet-Medien kurzatmig, oberflächlich und unkundig geworden ist.

Ökonomen sind gelernte Verantwortungsethiker, denn ihr Fach besteht gerade darin, die Wirtschaftsmaschinerie als solche zu studieren. Sie wollen mit nur schwachen Werturteilen zu möglichst harten und klaren Politikempfehlungen kommen und scheuen die Moralisierung auf der Ebene der Politikmaßnahmen wie die Pest. Dass viele das als herzlos empfinden oder den Sachverstand bezweifeln, ohne ihn selbst zu haben, ist in Kauf zu nehmen.

Ökonomen sollten wegen der Komplexität der Materie eigentlich nur die Fachleute in den Ministerien und Parlamenten selbst ansprechen. Das jedoch ist hoffnungslos, weil fachlicher Rat unbeachtet bleibt, wenn seine Handlungsimplikationen in der Öffentlichkeit gesinnungsethisch nicht geschätzt werden. Deswegen bleibt ihnen nur die aktive Beteiligung am öffentlichen Diskurs in der Hoffnung, die aufgeklärte Öffentlichkeit zu erreichen. Erst wenn die Öffentlichkeit selbst überzeugt ist, lassen sich auch die Politiker bewegen."
Man kann glaube ich mit Fug und Recht behaupten, dass Hans-Werner Sinn die letzten beiden Sätze in den vergangenen Jahren gelebt hat.

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