Freitag, 13. Mai 2016

FAZ-Interview mit Issing

Die F.A.Z. interviewte den ehemaligen Chef-Volkswirt der EZB.

Einige Auszüge aus dem Interview:

Ottmar Issing über die Kritik an der EZB:
"Ich glaube, die EZB hat [die Stimmung in Deutschland] unterschätzt. Und die Kritik an der EZB, die am Sparzins ansetzt, mischt sich mit einer Kritik am generellen Kurs der EZB. Diese beiden Dinge sind ganz unglückseligerweise miteinander verbunden. [...]

Vielleicht [hat die EZB das unterschätzt], weil es diese Kritik so nur in Deutschland gibt. Wenn sich Mario Draghi umschaut, hat er die Unterstützung der meisten Notenbankgouverneure im Zentralbankrat und die Unterstützung durch den wissenschaftlichen Mainstream."
Und über die "Akademisierung der Geldpolitik":
"Axel Weber, Ben Bernanke, Janet Yellen oder Mervyn King sind Beispiele für Ökonomen, die es an die Spitze von Notenbanken gebracht haben. Aber es handelt sich um eine späte Entwicklung, früher waren dies große Ausnahmen. Die Geldpolitik ist früher weder von Akademikern noch von Bankern dominiert worden. Ich halte die gegenwärtige Entwicklung für gefährlich [...], [w]eil der Eindruck entsteht, Geldpolitik sei allein die Anwendung enger wissenschaftlicher Erkenntnisse auf die Praxis. Ich habe zwar die ökonomische Forschung in der Bundesbank und in der EZB gefördert, und ich habe daraus großen Nutzen für die Geldpolitik ziehen können. Aber man kann nicht auf der Basis enger Modelle allein geldpolitische Entscheidungen treffen. Ich halte das für einen Irrweg. Geldpolitik bewegt sich in einer unsicheren Welt. Daran ändert die schönste Theorie nichts. [...]

Das ist ein Ergebnis einer einseitigen Verwissenschaftlichung der Geldpolitik, die Kritik nicht zur Kenntnis nimmt und sich immunisiert. Wenn sich dieser weltweit einheitliche Kurs als falsch herausstellt, ist mit erheblichen Turbulenzen zu rechnen. Man muss aber auch einräumen, dass sich die Geldpolitik heute in einem sehr komplexen Umfeld bewegt und dass hierfür noch kein Lehrbuch existiert."

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