Freitag, 9. September 2016

EZB, EMU und BRD ...

... Malte Fischer regt sich in der Wirtschaftswoche ein bisschen über M. Draghis Aussagen bezüglich der deutschen Wirtschaftslage und -politik auf.

Was ist passiert? Mario Draghi hat auf die Frage, ob er Rufe danach, die Binnennachfrage in Deutschland zu stärken, um den Leistungsbilanzüberschuss abzubauen, unterstützen würde, gesagt:
"[L]ower surpluses, or a lower surplus for the euro area, would be welcome. And certainly any action to this extent is to be welcomed. But I've always been a little puzzled by the idea that is sometimes conveyed with these words. It's not like we can lower the surplus if we push a button. It's not a planned economy. If an economy is naturally competitive, one can do economic policies that sort of get the benefit of this surplus and transform it into domestic aggregate demand, and I think that's the implicit recommendation. And that could be said in different words. Countries that have fiscal space should use it, and countries that don't have fiscal space should instead focus – or should also focus, rather – on the composition as a primary fiscal tool."
Außerdem hat er als Antwort auf die Frage, ob der Lohnanstieg in Deutschland nicht stärker sein müsste, gesagt:
"Wage determination is a result, an outcome of the interplay of forces. You have the employers and the employees. But what one can make today – what central banks, what economists can make – is an indisputable case for the benefits of having higher wage growth. In fact, because of oil prices, because of the big slack in labour market in the last few years, we had low inflation for a long time, and one of the questions we are asking ourselves is, “Is this protracted low inflation – has it filtered through wage negotiations somehow? Either because you have indexation mechanisms, because they're formal or informal, or through the negotiation process?” If that were true, we would be extremely concerned, and we are monitoring these developments very closely. But the case for higher wages is unquestionable."
Malte Fischer schreibt nun:
"Offenkundig  will die EZB mit Biegen und Brechen die Inflation auf zwei Prozent treiben. Das Problem dabei ist nur: Mit den Südländern allein ist das nicht zu stemmen. Denn dort ist die Arbeitslosigkeit nach wie vor hoch. Das steht lohngetriebenen Preissteigerungen im Wege. Deshalb soll die Inflation in Deutschland überdurchschnittlich steigen, damit der Zielwert von zwei Prozent im gesamten Euro-Raum erreicht wird.
So erklärte Draghi auf Nachfrage von Journalisten, er sorge sich, die niedrigen Inflationserwartungen könnten mittelfristig Eingang in die Tarifverhandlungen finden und die Lohnzuwächse dämpfen.  Damit das nicht passiert, sollten die Löhne in Deutschland kräftig angehoben werden. Was der Süden nicht leisten kann, soll also Deutschland erledigen.

Auch bei der Fiskalpolitik sah Draghi Deutschland in der Pflicht. Länder mit Spielraum im Staatshaushalt sollten diesen nutzen - und Deutschland habe Spielraum, so Draghi. Mit anderen Worten: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble soll die Spendierhosen anziehen und Geld unters Volk bringen. Faktisch empfiehlt Draghi Deutschland damit eine Wirtschaftspolitik, wie sie sein Heimatland Italien in den Siebziger- und Achtzigerjahren betrieben hat: Hohe Staatsausgaben, hohe Lohnzuwächse, hohe Inflation. 

Mittendrin sitzt dann die EZB – quasi als Reinkarnation der Banca d`Italia – um den neuen deutschen Schlendrian mit der Notenpresse zu finanzieren. 
Man könnte es auch so formulieren: Die EZB fordert von Deutschland, seine haushaltspolitische Disziplin und preisliche Wettbewerbsfähigkeit auf dem Altar einer inflationsgetriebenen Entschuldung der Staatshaushalte der Südländer zu opfern. So gesehen war die Botschaft, die Draghi heute in Frankfurt überbracht hat, ein echter Hammer."
Ich denke man sollte hier auch das langfristige Bild betrachten - und da zeigt sich, dass Deutschland in der Tat ein wenig Nachholbedarf hat, was die Preissteigerung angeht, wenn man akzeptiert, dass die Inflationsrate im langfristigen Mittel im Euroraum 1.9% betragen soll. 

Quelle: FRED.

D.h. insbesondere der BIP-Deflator ist während der Mitgliedschaft in der Währungsunion in Deutschland "viel zu langsam" gestiegen.


Wenn das mit dem Inflationsziel langfristig hinkommen soll, dann muss Deutschland in Zeiten, wo andere Ländern intern abwerten müssen, eben auch mal Inflationsraten von über 2% generieren, um den relativen Rückgang der Preise aus der Zeit von 1999 bis jetzt auszugleichen. Insofern finde ich diese indirekte "Forderung" nach höherer Inflation in Deutschland keinen "Hammer".

Was die andere Frage (expanisve Fiskalpolitik in Deutschland) angeht ist die Sache weniger klar:

Wenn man davon ausgeht, dass sich die deutsche Konjunktur aktuell schon ganz von alleine in einen Boom hineinbewegt, dann wäre ein fiskalischer Impuls wahrscheinlich nicht optimal, weil er pro-zyklisch wirken und die Schwankung des BIP erhöhen würde. (Siehe den Beitrag des IfW für diese Position.)


Andererseits sieht man (außer auf dem Immobilienmarkt großer Städte) im Moment noch keine Anzeichen für nennenswerte Überauslastung der Kapazitäten, so dass die Fiskalpolitik vielleicht nicht allzu vorsichtig sein muss.

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